Der "Lorenzetti-Code" und der Bürgerdialog

20.01.2017
  Plakat

Vortrag von Prof. Dr. Klaus Selle am 17.1.2017 in der Reihe »Bürgerdialog in der Stadtgesellschaft Aachen«

Altes Leitbild – aktuelle Herausforderungen

Wenn heute von »Bürgerdialog« gesprochen wird ist damit zumeist die Beteiligung an der Meinungsbildung zu kommunalen Plänen und Projekten gemeint. Aber wirken Bürgerinnen und Bürger nur auf diese Weise an den Geschicken ihrer Stadt mit? War nicht vor wenigen Jahren noch von den »Potentialen der Zivilgesellschaft« die Rede? Und ist die Bürgerschaft nicht zugleich der eigentliche Souverän, der nicht nur im Wege von Wahlen an den politischen Geschicken in den Städten mitwirkt…? Kurzum: Die Bürgerinnen und Bürger sind in viel umfassenderen Sinne »Mitwirkende« als es uns die Praxis der Bürgerbeteiligung heute nahe legt.

Wenn von »Bürgerstadt« die Rede ist soll genau das zum Ausdruck gebracht werden: die umfassende Mitwirkung an den Geschicken der Stadt, die Stadtentwicklung als Gemeinschaftsaufgabe. Schon im 14. Jahrhundert wurde diese Idee propagiert und gelebt. Sie prägte hernach insbesondere das europäische Städtewesen in einem Maße, dass der Begriff der »Europäischen Bürgerstadt« entstand. Wie aber »funktioniert« ein solches Gemeinwesen? Was waren (und sind) die Voraussetzungen für ein gedeihliches Miteinander? Auf solche Fragen findet man in Siena frühe Antworten – in einem Freskenzyklus von Ambrogio Lorenzetti. Es wird dort deutlich, dass etwa die Gleichheit der Teilhabechancen eine wichtige Voraussetzung darstellt. Die »Spielregeln« müssen klar sein und für alle gelten. Es muss einen für den Einzelnen erkennbaren Nutzen geben – warum sollte man sich sonst im Gemeinwesen engagieren? Und über alles das muss Konsens bestehen – was nicht damit verwechselt werden darf, dass man sich in Sachfragen einig sein müsste.

Klaus Selle, Professor für Planungstheorie und Stadtentwicklung an der RWTH, hat sich mit diesen Fresken ausführlich beschäftigt. Vor allem die bildliche Darstellung von umfassenden Aspekten eines guten Regimes („buon governo“) hinsichtlich Wirkungen, Arbeitsprinzipien und Voraussetzungen haben ihn dabei fasziniert. Von diesen Fresken ausgehend schlägt Klaus Selle den Bogen zu den aktuellen Herausforderungen einer um Transparenz und Dialog bemühten Stadtentwicklung. (Quelle: Aachener Fenster)

Gerade aktuelle Entwicklungen in der »großen Politik« unterstreichen die Notwendigkeit, Vertrauen – in die (lokale) Demokratie – zurück zu gewinnen. Ein verlässlicher, offener und streitbarer Bürgerdialog kann dazu durchaus ein Beitrag sein.

Weitere Informationen: Lehrstuhl für Planugstheorie und Stadtentwicklung, Univ.-Prof. Dr.-Ing. Klaus Selle