Pfalzenforschung in Aachen

  L. Hugot 1965 Abb. 1 Rekonstruktion der Aachener Pfalz  

Lehrstuhl für Baugeschichte und Denkmalpflege
Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege
Dr.-Ing. Judith Ley, Dipl.-Ing. Marc Wietheger

 

Aachen war die bedeutendste Pfalz im karolingischen Reich. Ab der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts überwinterte hier immer häufiger der königliche Hof, wurden die große Festtage begangen und Gesandte aus aller Welt empfangen. Entsprechend dem Status einer “sedes”, eines Sitz des Königs und seine Hofes, wurde die Pfalz von Karl dem Großen und seinem Sohn Ludwig dem Frommen mit repräsentativen Bauten ausgestattet und avancierte als Krönungsort der deutschen Könige schließlich zu einem der wichtigsten Herrscherstätten des gesamten Mittelalters.

Neben der Pfalzkirche, dem heutigen Aachener Dom, gibt es noch weitere weniger bekannte Überreste der in Stein errichteten Pfalzbauten (Abb. 1). So steht das Rathaus der Stadt Aachen auf den Grundmauern der Regierungshalle Karls des Großen, an deren Ostseite sich der sogenannte Granusturm erhob (Abb. 2). Wie auch von anderen archäologisch fassbaren Gebäuden der Pfalz, ist nicht bekannt, welche Funktion dieser Turm übernommen hat. In den historischen Quellen werden dahingegen zahlreiche weitere Bauten im Pfalzbereich benannt, deren Lage bisher aber nicht näher zu bestimmen ist.
Entgegen der augenscheinlichen Bedeutung und Größe der Aachener Pfalz im frühen Mittelalter gibt es demnach hinsichtlich ihres Aussehens, den funktionellen Zusammenhängen und dem architektonischen Konzept der Anlage bis heute nur Spekulationen. Desiderate sind die fehlende Dokumentation der erhaltenen originären Bausubstanz, die unzureichende Aufarbeitung der Befunde aus den Altgrabungen und der überlieferten schriftlich Quellen.

  M. Merian 1647 Abb. 2 Nordfassade des Aachener Rathauses  

Im Rahmen einer umfangreichen Forschungszusammenarbeit von mehreren Lehrstühlen der RWTH mit dem Denkmalamt der Stadt Aachen sowie der Stadtarchäologie, sollen in den nächsten Jahren nun diese Forschungslücken aufgearbeitet werden.
In einer Kooperation der Lehrstühle für Denkmalpflege und Baugeschichte der Fakultät für Architektur erfolgt eine genaue Dokumentation des Baubestandes der profanen Pfalzbauten mit modernen Bestandserfassungsmethoden. Für diese Dokumentation stehen Mittel aus dem von Bund und Stadt Aachen geförderten “Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten” zur Verfügung (Prof. Dr.-Ing. Christian Raabe, Dipl.-Ing. Marc Wietheger, Dipl.-Ing. Robert Mehl). Zum anderen fördert die DFG das Projekt “Die Aula Regia in Aachen – Karolingische Königshalle und spätmittelalterliches Rathaus” (Dr.-Ing. Judith Ley), das die Analyse und bauhistorische Einordnung der mittelalterlichen Baubefunde zum Ziel hat. Die Forschungsarbeiten werden zudem vom Rathausverein maßgeblich unterstützt.
Die Aufarbeitung der Altgrabungen und der schriftlichen Quellen übernimmt der Lehrstuhl für Mittlere Geschichte, ebenfalls mit Mitteln aus dem Investitionsprogramm (Prof. Dr. Harald Müller / PD Dr. Sebastian Ristow). Vor dem Hintergrund der neuen Forschungsergebnisse werden die schriftlichen Quellen abschließend im “Repertorium der deutschen Königspfalzen” analysiert. Abgestimmt wird dieser fachübergreifende Wissenstransfer im an der RWTH angesiedelten Arbeitskreis Pfalzenforschung.

 


 

Investitionsprogramm nationale UNESCO-Welterbestätten:
Pfalzenforschung aus der Perspektive der Bauforschung
Lehr- und Forschungsgebiet Denkmalpflege
Prof. Dr.-Ing. Christian Raabe, Dipl.-Ing. Marc Wietheger,
Dipl.-Ing. Robert Mehl

 

Begonnen hat das beschriebene Forschungsvorhaben im Jahr 2007 als studentisches Seminar zur Baudokumentation und Bauforschung des Granusturms (Abb. 3). Seitdem wurde das Bauwerk unter Leitung von Marc Wietheger und Judith Ley in mehreren jeweils einwöchigen Dokumentationskampagnen zusammen mit Studierenden der Architektur systematisch vermessen, zeichnerisch sowie fotografisch dokumentiert und wissenschaftlich beschrieben.
Mittels tachymetrischer, CAD-gestützter Online- Vermessung der Architekturgeometrie, photogrammetrischer Aufnahmen steinsichtiger Oberflächen und händischem Aufmaß von Detailbereichen wurden digitale, verformungsgerechte Bestandszeichnungen erstellt. Innerhalb eines einheitlichen Messbezugssystems (3DFestpunktenetz) sind auf diese Weise sämtliche Haupt und Zwischengeschosse in detaillierten Grundrissen sowie Vertikalschnitten im Maßstab 1:1 erfasst worden (Abb. 4).

Die neu erstellten Pläne zeigen, dass der Turm in seinem Inneren eine komplexe räumliche Struktur aufweist: in seinen unteren vier Geschossen aus karolingischer Zeit werden tonnengewölbte Treppenaufgänge um quadratische, von Klostergewölben überspannte Innenräume geführt. Dies erfolgt jedoch weder in einer regelmäßig fortlaufenden Spirale noch über gleich hohe Geschosse. Wie bereits erwähnt, ist die ursprüngliche Funktion dieses ungewöhnlichen Turmes nicht bekannt. Durch die jüngste Vermessung wurde jedoch deutlich, dass für die Errichtung der Treppengänge der meiste Aufwand betrieben wurde: das angenehme Steigungsmaß und die bequeme Treppenbreite sowie schmückende Säulen und gezielte Belichtung unterstreichen die bedeutende Funktion der Treppe.

Somit stehen wir vor einem der ersten repräsentativen Treppenhäuser nördlich der Alpen – auch wenn wir aufgrund des Erhaltungszustandes der Aula letztendlich nicht sagen können, wohin die Treppe tatsächlich führte.

Aufbauend auf diesen grundlegenden Voruntersuchungen konnte im Jahr 2010 durch das Amt für Denkmalpflege der Stadt Aachen die Förderung des aktuellen Forschungsprojekts erfolgreich beantragt werden, sodass die fortgeschrittenen Arbeiten am Granusturm intensiviert und auf das historische Rathaus ausgeweitet werden konnten (Abb. 7). Neben dem vollständigen und exakten Architekturaufmaß, der Baubeschreibung sowie den notwendigen naturwissenschaftlichen, restauratorischen Untersuchungen, werden sämtliche Archivbestände gesichtet. Um die unmittelbare Vergleichbarkeit der neuen Dokumentationsergebnisse innerhalb der gesamten Pfalz zu gewährleisten, orientieren sich diese Aufnahmen – insbesondere bei Methode und Indexierung der Materialkartierungen und -beprobung – an den durch den Landschaftsverband Rheinland und die Aachener Dombauhütte an den von 2000 bis 2006 durchgeführten restaurierungsbegleitenden Untersuchungen der Pfalzkirche.

 

Unter Berücksichtigung dieser Vorgaben wurden 2011 die Außenfassaden des Granusturmes eingehend untersucht. Für die Durchführung dieser Forschungsmaßnahme wurde auf Veranlassung des Gebäudemanagements der Stadt Aachen am Beginn des Jahres das für die Sanierung des Turmhelms errichtete Gerüst an allen vier Turmfassaden mit zusätzlichen Ebenen ausgestatten. Gleichzeitig wurde der Nachlass von Leo Hugot, welcher in den 60iger und 70iger Jahren das Rathaus zu untersuchen begonnen hatte, von seiner Familie an die Stadt übergeben. In ihm fanden sich unveröffentlichte steingerechte Aufmaßpläne von unterschiedlichen Teilabschnitten der Turmaußenwände. Sie ermöglichten nicht nur eine erste unkomplizierte Material- und Bauphasenkartierung, sondern zeigen die Turmwände auch im Zustand vor ihrer umfassenden Sanierung nach dem 2. Weltkrieg. Um den aktuellen Zustand der Wände zu dokumentieren, wurden Gerüstlagenweise hochauflösende Messbilder der Turmfassaden als Grundlage für die abschließenden Pläne erstellt (Abb. 6).
Für die Darstellung der Geometrie und Materialität der Böden, Wände und Gewölbe im Granusturm wurde zusätzlich ein 3D-Scanner eingesetzt, mit dessen Hilfe die vielschichtigen Zusammenhänge in den engen Bereichen des Turminneren leicht verständlich abgebildet werden (Abb. 5).

Die umfangreichen Ergebnisse der systematischen Neu- Dokumentation sowie die zahlreichen aufgearbeiteten Archivalienbestände werden im Laufe des Projektes in einem digitalen Datenmodell zusammengeführt, das auch die archäologischen Befunde des Pfalzbezirkes berücksichtigt. Dieses, auf exakten Bestandsplänen basierende, visuell mit raumbezogenen Daten verknüpfte 3D Gebäude-Informationssystem (GebIS) wird über das Ende der Projektförderungsphase hinaus die fachübergreifende Verwaltung, Analyse und Bereitstellung sämtlicher Bauwerksinformationen ermöglichen. Die öffentlich zugänglichen Informationen sollen zudem im Rahmen eines web-Portals erschlossen werden können.

Ein weiteres essentielles Ergebnis der Arbeiten am gesamten Rathaus wird ein Bauphasenplan sein, mit dessen Hilfe genau ersichtlich ist, welche baulichen Maßnahmen mit welchen Auswirkungen zu welcher Zeit in der Gesamtanlage des Rathauses vorgenommen worden sind. Somit wird die Genese des heutigen Bauwerks erstmals in einer Gesamtschau nachvollziehbar sein. Am Ende wird eine Genealogie und bauhistorische Einordnung des Rathauses in drei, den Hauptepochen dieser Veränderungen entsprechenden, Bänden entstehen: Mittelalter (Judith Ley), Barock (Georg Helg) sowie 19. und 20. Jahrhundert (Marc Wietheger).

 


 

DFG-Projekt:
Die Aula Regia in Aachen: Karolingische Königshalle
und spätmittelalterliches Rathaus
– Bauforschung und Architekturgeschichte
Lehrstuhl für Baugeschichte und Denkmalpflege
Dr.-Ing. Judith Ley

 
M. Wietheger Abb. 7 Grundriss des Krönungssaals
 

Mit der Königshalle Karls des Großen birgt das Rathaus der Stadt Aachen in seiner Bausubstanz einen der bedeutendsten mittelalterlichen Herrschaftsbauten des deutschsprachigen Raums. In der Tradition dieser Königshalle wurde der Bau für die Aachener Krönungsfeierlichkeiten der deutschen Könige im Mittelalter mehrfach tiefgreifend restauriert und entsprechend den Repräsentationsansprüchen der jeweiligen Zeit umgebaut.
Der stets hohe machtpolitische Rang Aachens lässt erwarten, dass die Entwicklung des Aachener Rathauses aus der karolingischen Königshalle besonders deutlich widerspiegelt, wie der Bautyp des herrschaftlichen Saalbaus von der Antike bis zum Ausgang des Mittelalters modifiziert wurde. Trotz dieser Bedeutung gibt es bis heute neben der fehlenden systematischen Untersuchung und Analyse seiner Baussubstanz keine kritische Interpretation seiner immer wieder veränderten Formensprache.
Ziel des seit Januar 2011 von der DFG geförderten Forschungsprojektes ist daher eine zusammenhängende bauhistorische Erforschung des mittelalterlichen Gebäudes und seiner Veränderungen. Basierend auf der oben beschriebenen modernen Baudokumentation sollen zunächst fundierte Rekonstruktionsvorschläge für die unterschiedlichen mittelalterlichen Bauzustände erarbeitet werden.
Welche Stellung die Aachener Aula in der Entwicklung herrschaftlicher Architektur in Europa einnahm, soll schließlich durch eine Gegenüberstellung mit anderen antiken wie mittelalterlichen Saal- und Palastbauten herausgearbeitet werden. Hierbei geht es gleichermaßen um die Konzeption zeremonieller Raumprogramme, die ikonografische und ikonologische Deutung der Formensprache wie auch die Herleitung der angewandten, oft komplexen baukonstruktiven Lösungen.

Der aus dem Ende des 8. Jahrhunderts stammende karolingische Ursprungsbau bestimmte nicht nur die Tradition des Ortes sondern auch die Ausmaße des Gebäudes (Abb. 1). Mit ihrer Konzeption steht die Aachener Aula in der Tradition antiker Regierungshallen weltlicher und kirchlicher Würdenträger, die im 8. Jahrhundert in Rom und Byzanz aber auch an zahlreichen anderen Orten noch in Funktion waren bzw. neu errichtet wurden.
Für die Rekonstruktion der aufgehenden Architektur der Aula gibt es nur wenige Anhaltspunkte, da die Baussubstanz der Halle weitgehend abgetragen wurde, so dass der Granusturm ihr am höchsten erhaltener Teil ist. Daher ist nicht abschließend geklärt, ob die Halle in mehrere Ebenen gegliedert war. Diese Frage ist insofern von Bedeutung, da die Karolinger das bis heute in der europäischen Architektursprache allgemeinverständliche Prinzip verstärkt eingeführt haben, einem höher liegenden Geschoss eine übergeordnete Bedeutungen zu verleihen. Es wäre daher zu fragen, ob auch die Königshalle eine zweite Ebene besessen hat – möglicherweise in Entsprechung zur Empore der Pfalzkirche. Einen Hinweis auf eine solche Höhenstaffelung gibt der repräsentative Treppenaufgang im Granusturm.

  C. Scheuren 1877 Abb. 8 Der Krönungssaal mit den geplanten Kaiserfiguren  

Wie die Pfalzkirche zeigt auch der Granusturm, dass beim Bau der Pfalz in Aachen die Idee des römischen Monumentalbaus mit der kleinräumigen Zellenbauweise der germanischen Architekturtradition verbunden wurde. Das bedeutet, dass nun nicht mehr wie in der Antike alle Gebäudeabschnitte zu einem großen Einheitsraum verschmolzen, sondern die einzelnen Raumabschnitte sowohl in der horizontalen, als auch in der vertikalen Aufteilung des Baus klar voneinander abgegrenzt wurden und oftmals auch unterschiedliche Funktionen zugewiesen bekamen. Der Granusturm ist somit nicht wie ein italienischer Campanile mit einer gleichmäßig um einen durchgehenden Schacht aufsteigenden, ins “Unendliche” laufenden Treppe errichtet worden, sondern mittels der unterschiedlich hohen, von Klostergewölben überspannten, verschließbaren Innenräume sowie den Wechseln in der Drehrichtung der Treppen in einzelne Turmabschnitte unterteilt (Abb. 4). Es handelt sich gewissermaßen um mehrere Treppenhäuser, die aufeinandergesetzt wurden, um die unterschiedlichen Geschosse der angrenzenden Gebäudeteile miteinander zu verbinden bzw. wie eine Schleuse voneinander abzuriegeln.

 

Die Königshalle erfuhr – wie auch die Pfalzkirche – vermutlich bereits in der Romanik, als Aachen zum Krönungsort der deutschen Könige avancierte, ihre erste Umgestaltung. Bisher können wir jedoch nicht sagen, wie tiefgreifend dieser Umbau tatsächlich war und welche Rolle er innerhalb der stets zweigeschossig angelegten romanischen Palastbauten, wie wir sie beispielsweise in Goslar oder Braunschweig finden, gespielt hat.
Selbst als die Stadt im 14. Jahrhundert das inzwischen baufällige Gebäude übernahm und zum Rathaus umbaute, wurde die ältere Palastfunktion durch die Integration eines eindrucksvollen Festsaals für die Krönungsfeierlichkeiten im Obergeschoss und die Errichtung einer prunkvollen figurengeschmückten Fassade weiter tradiert (Abb. 2,7,8). Die Kombination dieser beiden Funktionen begründet die herausragende Stellung des gotischen Baus, dessen Formengebung sich gleichermaßen an deutschen und französischen Schlossbauten, unter anderem dem Königspalast auf der Île de la Cité in Paris orientiert (Abb. 9).

 
Rekonstruktion A. Huyskens um 1925 / E. Viollet-le-Duc 1864 Abb. 9 Vergleich der gotischen Anlage in Aachen mit dem Palais de Cité in Paris
 

Aus der Schlossbautradition übernommen und daher ungewöhnlich für ein Rathaus ist vor allem der riesige von Steingewölben überspannte Krönungssaal, der außerdem noch mit Figuren ausgeschmückt werden sollte (Abb. 8). Eine besondere technische Herausforderung war es, diese weit spannenden Gewölbe zu errichten ohne die feingliedrige Fassade durch Stützpfeiler zu stören. Um dies zu ermöglichen, musste unter anderem der Übergang zum Granusturm zugemauert werden. Damit verlor dieser seine ursprüngliche Funktion und nahm schließlich die Wohnung für den Stadtwächter, das Urkundenarchiv der Stadt und ein Gefängnis auf.
Auch nachdem sich die Deutschen Könige ab 1562 nicht mehr in Aachen sondern nur noch in Frankfurt am Main krönen ließen, war man sich der ursprünglichen Bedeutung des Gebäudes noch bewusst. So übertitelte noch Merian seine Darstellung des Aachener Rathauses 1647 mit „Das Palatium und Rathause zu Aachen“ (Abb. 2).