Ghazni 2013 - Islamische Kulturhauptstadt

 

Lehr- und Forschungsgebiet für Stadtbaugeschichte
Univ.-Prof. Dr.-Ing. habil. Michael R. N. Jansen
Dr.-Ing. Karsten Ley

 

„Ghazni 2013 – Islamische Kulturhauptstadt“ und die Restaurierung ihrer historischen Stadtmauer als politische Stabilisierungsmaßnahme für eine Afghanischen Region von Karsten Ley

 
RWTHsbg Historische Ansicht Ghazni mit Zitadelle und beiden Minaretten
 

Im Jahr 2013 wird die Afghanische Stadt Ghazni eine von drei „Islamischen Kulturhauptstädten“ sein. Dieses Programm, das durch die Islamische Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (ISESCO) im Jahre 2005 ins Leben gerufen wurde, ist vergleichbar mit seinem europäischen Vorbild. Allerdings erstreckt es sich, anders als in Europa, von Afrika bis weit nach Asien und schließt somit nicht nur verschiedene Kulturen, sondern auch unterschiedliche politische und wirtschaftliche Systeme mit ein. Offensichtlich stellt die Durchführung einer solchen Veranstaltung für Ghazni und Afghanistan eine enorme Herausforderung dar. Gleichzeitig ist Ghazni aber auch ein faszinierendes Beispiel für den kulturellen Reichtum des Islam, einschließlich dessen Konfrontation und Integration mit anderen Kulturräumen.
Ghazni (auch Ghazna, Ghaznin or Ghuznee) ist heute eine Provinzhauptstadt in Zentral-Ostafghanistan mit annähernd 140.000 Einwohnern. Sie liegt ungefähr 140 Kilometer südlich von Kabul auf einer Höhe von 2.200 Metern und gilt als prominente Etappe auf der sogenannten Ring Road, die alle wichtigen afghanischen Zentren miteinander verbindet. Zugleich war Ghazni einst ein wichtiger und prosperierender Halt auf der Handelsroute zwischen Iran und Indien. Wegen seiner strategisch bedeutenden Lage zwischen Kabul und Kandahar erlebte die Stadt allerdings auch immer wieder schwere Angriffe in regionalen und interregionalen Kriegen. Zahlreiche Gebäude und Monumente einschließlich der beeindruckenden Stadtmauer wurden beschädigt oder zerstört, wieder aufgebaut und erneuert, und dann wieder zerstört. Darüber hinaus verschlimmerte die natürliche Verwitterung durch das extreme Klima zusätzlich den Verfall der Bausubstanz.
Der eigentliche Ruhm der Stadt rührt von ihrer Zeit als Hauptstadt des Ghaznawiden Reiches her, das von den 960er Jahren bis in die letzte Hälfte des 12. Jahrhunderts Bestand hatte. Mahmud von Ghazni (971-1030), der bekannteste Herrscher der Dynastie, weitete seinen Machtbereich vom jetzigen Aserbaidschan über Iran, Afghanistan und Pakistan bis in den Norden Indiens aus und eroberte große Teile des heutigen Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Seine Stärke resultierte aus einer geschickten Kombination des muslimischen Glaubens mit persischer Tradition und türkischer Militärkunst, was ihm eine weitläufige und stabile Herrschaft verschaffte. Ghazni wurde zur unbestrittenen Metropole seines Reiches, in dem der Hof des Sultans zahlreiche Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler anzog. Unter diesen waren der Poet Firdausi (ca. 940- 1020), dessen Werke eine entscheidende Rolle bei der Wiederbelebung der persischen Sprache im Zeitalter des Islam spielten, wie auch der Universalgelehrte A-Biruni (973-1048), der als mittelalterlicher „Vater der Geodäsie“ gilt.
Kunst und Kultur blühten am Hof der Ghaznawiden, auch deshalb weil die zahlreichen Raubzüge der Herrscher nach Nordindien die Kassen füllten und eine generöse Unterstützung der Künstler und Architekten erlaubten. Gründete sich der Reichtum des Reiches auf diesen Eroberungen, wurden sie doch unter dem Deckmantel eines „heiligen“ Religionskriegs gegen Hindus und Buddhisten geführt. Heute zeugen nur noch zwei reich dekorierte Minarette aus gebrannten Ziegeln von dieser Zeit. Mit ihren feinen Ornamenten sind sie exemplarisch für die Architektur und Kunst der Ghaznawiden, obwohl sie nur in Teilen die umfangreichen Zerstörungen durch Krieg und Verfall überdauerten. Der Palast von Masud III. zum Beispiel ist nur in Ruinen erhalten. Hier fanden italienische Archäologen einen marmornen Innenhof, der 50 auf 31 Meter maß und von großartigen Iwanen (Torhallen) umgeben war, die sich zum Hof hin öffneten. Die Außenseiten der Palastmauern waren mit persischen Inschriften geschmückt.

   

Gleichwohl zeugen archäologische Überreste davon, dass Ghaznis historische Wurzeln weit vor der islamischen Zeit zu finden sind. Im 6. Jahrhundert vor Christus eroberte Kyros der Große das Gebiet und verleibte so den kleinen Marktflecken Ghazni in sein großes persisches Reich ein. Dann geriet der zentralasiatische Ort unter hellenistischen Einfluss; zunächst mit der Eroberung Alexander des Großen (356-323 v. Chr.) und dann im Graeco-Baktrischen Reich bis schließlich im Indo-Griechischen Reich, das bis zur Zeitenwende existierte. In dieser Zeit verschmolzen auch westliche Traditionen mit dem buddhistischen Glauben, der bereits vom Maurya-Kaiser Ashoka (274-232 v. Chr.) in die Region gebracht worden war; diese neuartige Ghandara-Kunst ist der Welt vor allem durch die großen Buddha-Statuen im Bamiyantal bekannt. Insbesondere im Kushana Reich des ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhunderts erlebte der Buddhismus eine große Blüte und archäologische wie auch schriftliche Quellen bestätigen, dass Ghazni ein wichtiges buddhistisches Zentrum war. Dieser Ruf hielt sich auch während der Zeit, in der Sassaniden und Hephtaliten um die Vorherrschaft in der Region kämpften (ca. 425 – 560).
Diese umfassende Geschichte der Stadt veranlasste die afghanische Regierung dazu, die Nominierung „Ghazni 2013 – Islamische Kulturhauptstadt“ neu zu überdenken: So will sie die Bedeutung aller kultureller Schichten der Stadt herausstellen, die Traditionen, Haltungen und Interaktion innerhalb des Islam wie auch diejenigen anderer Kulturkreise. Vor dem Hintergrund der derzeitigen politischen Situation in Afghanistan, dem fortschreitenden Verfall der historischen Bausubstanz wie auch der wiederholten Zerstörungen großer Teile der Stadt, zuletzt vor 10 Jahren während des Krieges gegen die Taliban, ist dies offensichtlich ein ambitioniertes Ziel. Im Westen weitgehend unbekannt ist zudem der Umstand, dass die afghanische Bevölkerung selbst aus vielen unterschiedlichen ethnischen Gruppen besteht. Daher ist eine Periode von Feierlichkeiten, wie sie das ISESCO Programm ermöglicht und wie sie von Prof. Dr. Michael Jansen vom Lehr- und Forschungsgebiet Stadtbaugeschichte der RWTH der afghanischen Regierung vorgeschlagen wurde, eine große Chance für die innere Stabilisierung der Region: Die lokale Bevölkerung erhält die Möglichkeit ihre Landsleute kennenzulernen und gemeinsam zu feiern.
Innerhalb dieses Rahmens ist die Restaurierung der berühmten aber stark zerstörten Stadtmauer von Ghazni, einem Symbol für städtische Freiheit und Lokalpatriotismus, eine wichtige Komponente. Mit ihrer kompletten Länge von ungefähr 2,5 Kilometern umschließt sie neben der Stadt auch die erhöhte Zitadelle und bezeugt bereits aus großer Entfernung die historische Bedeutung der Stadt. Um eine solche Restaurierungsmaßnahme in Ghazni durchzuführen fehlen vor Ort allerdings die wissenschaftliche Expertise wie auch entsprechendes Fachpersonal. Gerade die Beteiligung lokaler Arbeitskräfte kann es allerdings ermöglichen, wieder eine Befähigung für die Jahrtausende alte Konstruktion mit Lehm aufzubauen (auch für private Bauvorhaben) und andererseits die Bevölkerung an ihr eigenes Kulturerbe heranzuführen – beides im Rahmen einer Initiative „Culture for Peace“.
Daher führt das Lehr- und Forschungsgebiet Stadtbaugeschichte seit 2010 eine umfassende Restaurierungsmaßnahme und ein Kapazitätsaufbauprogramm in Ghazni durch – mit substantieller finanzieller Förderung des deutschen Auswärtigen Amtes und in enger Zusammenarbeit mit den afghanischen Ministerien für Information und Kultur sowie für Stadtentwicklung. Auf der einen Seite wird somit Expertise von Deutschland, Großbritannien und Oman nach Afghanistan reimportiert (auch durch im Ausland lebende Afghanen) auf der anderen Seite beschäftigt das Projekt mehr als vierhundert lokale Arbeiter bis Ende 2013, die damit einen erheblichen und nachhaltigen Beitrag zum Wiederaufbau der Stadt „aus eigener manueller und handwerklicher Kraft“ leisten. Gerade letzteres stellt zudem ein nicht unerhebliches Gegenangebot zu den finanziellen Angeboten der Taliban dar. Als eine Aktivität „von Afghanen für Afghanen“ soll das Restaurierungs- Projekt daher einen handfesten Beitrag zu einer friedvollen Perspektive für die Provinz und die ganze Region geben.