Evaluierung, Nominierung und Management von UNESCO-Welterbestätten

 

Lehrstuhl und Institut für Städtebau und Landesplanung
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Kunibert Wachten
Dipl.-Ing. Michael Kloos

 

Der Streit um den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden mit der späteren Aberkennung des Welterbetitels des „Dresdner Elbtals“ füllte eine Zeitlang die Abend-Nachrichten und machte einen besonderen Konflikt publik. Dies war und ist aber kein Einzelfall. Immer wieder treten Konflikte zwischen dem Schutzanspruch der Welterbestätten und der Entwicklungsdynamik in Städten und Regionen auf. In den oftmals sehr emotionalisierten Streitfällen fachlich und unabhängig zu Gutachten und bei der Nominierung und beim Management von Welterbestätten zu beraten, ist in den letzten sechs Jahren zu einem Spezialfeld in der Forschung des Instituts für Städtebau und Landesplanung geworden.
Im Jahr 1972 wurde die UNESCO-Welterbekonvention verabschiedet. Sie verfolgt das Ziel, kulturelles und natürliches Erbe der Menschheit, das von herausragender universeller Bedeutung ist, für kommende Generationen zu sichern. Grundsätzliche Idee der Konvention ist, dass einzelne Nationen “ihr” kulturelles Erbe in die Welterbeliste einbringen, das dann quasi in den gemeinsamen Besitz der gesamten Menschheit übergeht.

Die Welterbekonvention gilt als das erfolgreichste Programm der UNESCO. Es hat deshalb in allen Regionen der Erde in den letzten Jahren kontinuierlich an Bedeutung gewonnen. Aufgrund dieser stetigen Bedeutungszunahme haben UNESCO-Welterbestätten mittlerweile nicht nur eine große symbolische, sondern auch eine wachsende ökonomische Bedeutung. Sie spielen beispielsweise eine wichtige Rolle im Rahmen des internationalen Tourismus als wichtigem Motor der Wirtschaftentwicklung in vielen Städten und Regionen.

 

UNESCO-Welterbestätten

 

Da nicht nur einzelne Monumente, sondern zunehmend auch zusammenhängende historische Stadt und Kulturlandschaften in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen werden, steigt das Konfliktpotenzial mit dem Alltag sich ständig wandelnder Städte und Regionen und mit ihren zumeist sehr komplexen Entwicklungsaufgaben. So füllten Berichte über Streitfälle in den letzten Jahren fast zwangsläufig die Gazetten – die Hochhäuser im rechtsrheinischen Köln, die Waldschlösschenbrücke in Dresden, die Rheinbrücke im Oberen Mittelrheintal, die Hochhäuser am neuen Zentralbahnhof in Wien, die Metro-Brücke über das Goldene Horn in Istanbul, die Brücke über die Bucht von Kotor. Bei all diesen Konflikten stehen fast immer zwei Fragen zur Debatte: Inwieweit wird durch Neubauprojekte die Qualität historischer Stadt- und Landschaftsbilder eingeschränkt, also die visuelle Unversehrtheit infrage gestellt? Und wie kann dieser Eingriff vermieden, gemildert oder verträglich gestaltet werden? Das Management von UNESCO-Stadt- und Kulturlandschaften stellt daher eine besondere Herausforderung dar. Da überdies die Aufnahme in die Welterbeliste nicht immer im Bewusstsein geschieht, dass dieser Schritt mit einem Stück Souveränitätsverzicht einhergeht, werden solche Fragen oftmals von Missverständnissen zwischen lokalen und internationalen Entscheidungsebenen überlagert, was eben auch im Dresdner Fall das Feuer der Emotionen geschürt hat.
Die Tätigkeitsfelder des Instituts für Städtebau und Landesplanung liegen neben der Forschung in der Beratung bei Welterbe-Nominierungsprozessen sowie beim Management komplexer Welterbe-Stätten. Von herausgehobener Bedeutung ist zudem die unabhängige Evaluierung von Veränderungen von Stadt- und Landschaftsbildern in UNESCO-Welterbestätten. Für diese Untersuchungen hat sich im Verlauf der Jahre eine intensive Kooperation mit dem Lehrstuhl für CAAD im Verbund mit v-cube etabliert.

  Magistrat Wien Welterbestätte Historische Innenstadt Wien. Kern- und Pufferzone.  

Kern der Evaluierungen, der so genannten „Heritage Impact Assessments“ ist, exakt zu visualisieren, wie sich geplante Veränderungen in der Realität zeigen und dies zu beurteilen. Dafür sind mehrere Untersuchungsschritte notwendig. Zunächst erfolgt eine Analyse der natur- und kulturgeschichtlichen Bedingungen der zu untersuchenden Welterbestätten. Danach werden die wesentlichen Wahrnehmungsmuster − sowohl tradierte als auch aktuelle − ermittelt. Anschließend werden unterschiedliche relevante Sichtpunkte und Sichtkorridore in den UNESCO-Welterbestätten untersucht und mit digitalen Kamera- oder Videoaufnahmen dokumentiert. Durch die Überlagerung dieser Daten mit einem digitalen Computermodell, das mittels Laserscan-Aufnahmen, so genannter Punktwolken, generiert wurde, können geplante Baumaßnahmen millimetergenau und realistisch visualisiert werden. Durch die In-Bezug-Setzung dieser Visualisierungen mit den vorangegangen Untersuchungsschritten ist es möglich, exakt zu begründen, inwieweit Stadt- und Landschaftsbilder durch die geplanten Baumaßnahmen verändert werden. Die Analyseergebnisse werden mit den Nominierungskriterien der jeweiligen Welterbestätte, aus denen sich ihr einzigartiger universeller Wert begründet, abgeglichen und auf dieser Grundlage Empfehlungen zum weiteren Vorgehen formuliert.
Neben diesen Evaluierungen berät das Institut für Städtebau und Landesplanung seit einigen Jahren in unterschiedlichen Regionen Europas Nominierungsanträge für den Welterbestatus. Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Tragkonstruktionen wurde so ein Dossier für die in Solingen bzw. Remscheid gelegene “Müngstener Brücke”, einem wegweisenden Stahlbau aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, erarbeitet. Ein weiteres Welterbe- Nominierungsverfahren wird derzeit für die “Viking Age Monuments and Sites” in Skandinavien betreut. Hier sollen neun unterschiedliche Stätten der Wikingerkultur, die in Dänemark, Schweden, Norwegen, Island, Litauen und Deutschland liegen, zu einer “transnationalen” Welterbestätte zusammengeführt werden. Auch das Management komplexer Stadt- und Kulturlandschaften ist ein Forschungs- und Beratungsgegenstand. Innerhalb des Nominierungsverfahrens der “Speicherstadt und des Kontorhausviertels” in Hamburg für die Welterbeliste wird derzeit ein Managementplan verfasst, der garantieren soll, dass dieses durch den benachbarten Bau der HafenCity im Wandel begriffene Quartier im Einklang mit den Anforderungen an die Aufnahme in die Welterbeliste weiterentwickelt werden kann.

 
UNESCO-Chair
 

Um diese umfangreichen Aktivitäten in eine institutionelle Einrichtung einzubinden, wird das Institut für Städtebau und Landesplanung zukünftig einen “UNESCO-Chair” einrichten. Diese von der UNESCO unterstützte Initiative dient dazu, die Forschungstätigkeiten zu intensivieren und mit anderen Lehrstühlen innerhalb der Fakultät und über die Fakultätsgrenzen hinaus zu einem Kompetenzbereich zu vernetzen. Auch dazu gibt es bereits in der Kooperation mit dem Lehrstuhl für Stadtbauwesen und Stadtverkehr der Fakultät für Bauingenieurwesen erste Ansätze. Thematischer Schwerpunkt des “UNESCO-Chairs” wird die Auseinandersetzung mit der Erhaltung und nachhaltigen Weiterentwicklung komplexer Welterbestätten, insbesondere der zusammenhängenden Kultur- und Stadtlandschaften sein.