19. November 2020 | Nachlese "Ein Tag Böhm"

27.11.2020

Eine Nachlese von Anna Graff, Verena Hake und Caroline Helmenstein

 

Anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten Gottfried Böhm, dessen vielgestaltiges Œuvre derzeit im Rahmen eines veritablen „Böhm-Jahres“ auf unterschiedliche Weise in der Fachwelt gewürdigt und zelebriert wird, veranstaltete der Lehrstuhl für Architekturgeschichte in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Gebäudelehre am 30. Oktober 2020 einen digitalen Studientag nebst Ausstellung studentischer Arbeiten. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, Italien und dem Libanon referierten über ihre aktuellen Forschungsmethoden und -ergebnisse zu den Werken des Pritzker-Preisträgers und diskutierten diese mit einer großen Zahl virtuell Teilnehmenden von Paris bis Kapstadt.

Mit einem Grußwort eröffneten die Professorinnen Anke Naujokat und Anne-Julchen Bernhardt einen Tag mit vielfältigen Perspektiven der äußeren und inneren Annäherung an die Werke Gottfried Böhms. Die Vormittagssektion widmete sich seinen Profanbauten und dabei im Besonderen seinem virtuosen Umgang mit der architektonischen Verschränkung von Tradition und Gegenwart. Um nur einige Beispiele zu nennen, stellten die Vortragenden mit dem Diözesanmuseum in Paderborn, dem Bergischen Löwen in Bergisch Gladbach sowie der für Böhm so typischen beispielhaften Weiterentwicklung des historischen Bestands von Burgen und Stadtgrundrissen die große Bandbreite und thematische Vielschichtigkeit der in vielerlei Hinsicht vorbildlichen, jedoch auch nicht selten kontrovers diskutierten Entwürfe des Architekten heraus.

Der Fokus der Nachmittagssektion lag auf dem Nevigeser Mariendom. Die Vortragenden, welche sich dem Bauwerk mit zum Teil völlig verschiedenen Forschungsmethoden und -fragen näherten, wussten die Zuhörenden auf jeweils individuelle Weise an den vielleicht wichtigsten Sakralbau Gottfried Böhms heranzuführen, indem sie die architektonische Kraft und räumliche Intensität dieses "belebten Monoliths" auf unterschiedlichen Maßstabs- und Programmebenen erlebbar machten. So befassten sich die Vorträge beispielsweise mit der städtebaulichen Konzeption und Kontextualisierung, mit Aspekten der Atmosphärenbildung und mit dem physischen Begreifen und Erleben des Kirchenraumes.

Der Nachmittagssektion vorangestellt war ein geführter Rundgang durch die virtuelle Ausstellung des Lehrstuhls für Gebäudelehre. Anne-Julchen Bernhardt bot hierbei einen inspirierenden Einblick in ausgewählte Arbeiten von 24 Studierenden, die in zwei analytischen Entwurfsseminaren ebenso viele verschiedene Bauwerke Gottfried Böhms einer werkmonographischen Analyse unterzogen haben. Werkzeug und Ergebnis sind je drei Artefakte: Ein Foto, ein Modell und eine Zeichnung, die in vielen Fällen überraschende und erkenntnisreiche neue Zugänge zum Werk des Architekten eröffnen.

Studientag wie Ausstellung fanden aufgrund der aktuellen Umstände auf eine vollkommen "unböhmsche" Weise statt, waren sie doch – da rein digital durchgeführt – nicht-haptisch, nicht-stofflich, nicht-physisch. Was sie aber trotzdem waren: Inhaltich intensiv und nicht zuletzt dann doch auch zutiefst menschlich. So fanden die Teilnehmenden ungeachtet der zum Teil mehreren Tausend Kilometern räumlicher Distanz in gleichermaßen spannenden wie tiefgründigen Diskussionen näher zusammen als ursprünglich erwartet, schließlich einte sie – trotz durchaus unterschiedlicher Positionen zu Einzelaspekten – die tiefe Bewunderung für das Lebenswerk des Jahrhundertarchitekten. Die Veranstaltung fand ihren besonderen Abschluss in Form eines Vortrags von Jan Pieper, der ganz persönliche Einblicke in seine Lehrjahre bei Gottfried Böhm, dessen langjähriger Mitarbeiter und Assistent er gewesen war, gewährte.

Übrigens: Die für den Studientag eingerichtete Website www.boehm.rwth-aachen.de ist weiterhin online, und in Kürze werden dort neben der virtuellen Ausstellung auch die Aufzeichnungen der einzelnen Vorträge zu finden sein.