Montagabendgespräche

  Clay wall is processed with plaster trowel Copyright: © Architekturtheorie
15/11/2021
 

Die Aachener Montagabendgespräche bilden seit über vierzig Jahren einen Höhepunkt im akademischen Leben der Architekturfakultät der RWTH Aachen und sind ein regionaler Treffpunkt für Architekturinteressierte. In diesem Jahr wird die Gesprächsreihe in Präsenz wie auch online, mit Live-Übertragungen via Zoom und YouTube fortgesetzt. Ausgangspunkt der kommenden Reihe sind Gedanken zu einer fürsorglichen und umsichtigen Architektur, d.h. einer Entwurfs- und Baupraxis, die auf den Erhalt und die Pflege von materiellen und immateriellen Ressourcen ausgerichtet ist. Architekt*innen und Designer*innen werden sich aus verschiedenen Perspektiven mit dem Spektrum der Fürsorge befassen und ihre Beiträge zum fürsorglichen Umgang mit Rohstoffen, Bauverfahren oder sozialen Bindungen zur Diskussion stellen. Die Gesprächsreihe wird vom Lehr- und Forschungsgebiet Architekturtheorie RWTH Aachen University organisiert durch die Kommission zur Verbesserung der Lehre unterstützt.

Die Übertragung aller Gespräche finden Sie unter folgendem Link: https://www.youtube.com/channel/UC-AnBsC5jIwEQe6vgwT2bQw

Prof. Dr.-Ing. Gernot Minke

Mein Weg vom Leichtbau zum Lehmbau

Der Vortrag umfasst den beruflichen Werdegang des Architekten Gernot Minke von seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Frei Otto bis zu seiner jetzigen Tätigkeit im Bereich des Ökologischen Bauens in Südamerika. Ausführlich berichtet wird über Ergebnisse der Forschungsprojekte, die im Bereich des Lehmbaus, des Strohballenbaus und der Dachbegrünung unter seiner Leitung an der Universität Kassel entstanden. Vorgestellt werden erste Bauten mit Membrandächern und pneumatische Konstruktionen gefolgt von Beispielen des kostengünstigen Bauens mit Lehm, Holz und Strohballen aus dem In- und Ausland. Ein Schwerpunkt dabei sind die Gewölbekonstruktionen aus Lehmsteinen.

Gernot Minke studierte Architektur und Städtebau in Hannover und Berlin. Er ist emeritierter Professor der Universität Kassel, wo er das „Forschungslabor für Experimentelles Bauen“ gründete. Unter seiner Leitung wurden dort 50 Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu den Themen „Bauen mit Lehm“, „Bauen mit Strohballen“, „Bauen mit Bambus“ und „Dachbegrünung“ durchgeführt. Er war zu 70 internationalen Kongressen als Vortragender eingeladen und ist seit seiner Emeritierung überwiegend als Workshop- und Seminarleiter im Ausland tätig. International bekannt ist er vor allem als Fachbuchautor über die Baustoffe Lehm, Strohballen und Bambus, sowie über Dachbegrünung und Vertikale Gärten. Sein Handbuch Lehmbau ist auf deutsch in der 9. Auflage erschienen und in 12 Sprachen veröffentlicht worden.

Van Bo ­Le-Mentzel (online)

Circular City - warum Einfamilienhäuser auf das Dach von Fabrikhallen gehören

Der Klimawandel zwingt uns zu neuen radikalen Ideen. Zersiedelung, Versiegelung und Verkehr treiben den CO2 Ausstoß weiterhin an. Und der Ruf nach massivem Wohnungsneubau an den Stadträndern ist die einzige Idee, die die Politik parat hält. Dabei könnten ausgerechnet Ideen, die unsere Vorfahren in der Architektur schon seit Jahrtausenden planten, Antworten geben, wie es uns gelingen kann, die Stadt der kurzen Fußwege zu schaffen, die ja vor Erfindung des Autos alternativlos war. Anhand einer Fallstudie der Tiny Foundation im Stadtteil Berlin-Lichtenberg zeigt Le-Mentzel, wie die Alternative zu einer Gewerbesiedlung aussehen könnte. Ein grüner Gürtel und Regengärten sind elementare Bausteine der Stadtnatur. Die Typologie ist nicht auf Kistenarchitektur beschränkt, Fassaden sind wieder divers, es wird wieder mit Holz gebaut, schattige Gassen werden wieder kultiviert, Autos sind nicht verboten, wohl aber der private Parkplatz vor der Haustür. In der Circular City Lichtenberg verschwindet IKEA und Aldi unter der Erde von Kleingärten. Platzfressende Einfamilienhäuser gibt es nicht mehr. Es sei denn, sie sind auf dem Dach einer Fabrik. In der Circular City müssen Wohnungen nicht mehr groß sein, denn das Leben findet draußen statt.

Van Bo ­Le-Mentzel, Jahrgang 1977, ­ist Architekt, ­Autor und Quartiersplaner in Berlin. Er wurde bekannt mit den "Hartz-IV- Möbel" zum Selbstbauen, zum Beispiel den 24-Euro-Sessel aus einem einzigen Baumarkt-Brett. Zuletzt hat er sehr kleine Tiny Houses entworfen und in einem Sozial­experiment zur Verfügung gestellt. Mit seiner gemeinnützigen Organisation Tiny Foundation hat Le-Mentzel einen Think Tank geschaffen für zeitgemäße Wohnungsgrundrisse und Quartiere, in dem soziale Nachbarschaft ermöglicht wird. Weitere Informationen finden Sie hier.

Caroline Voet

The culture of creativity and care- Re-reading our heritage from a design perspective

Within the Anthropocene, every act of building is transformation: from a circular manipulation of raw materials to intelligent reconversions of the built fabric. Through the emphasis on the technological and material side of sustainability, we are losing the cultural dimension within the design of these processes. In this lecture, Caroline Voet re-introduces architectural culture and its historical layers as a creative generative power in reconversion projects. She re-reads built structures and spaces, materials, details and craftmanship through a design attitude that embraces vulnerability and care. Where space is relational and responsive, the human condition is one of connectedness (Gilligan), opening up to the possibility of connecting ethics to aesthetics. Through a series of projects from VOET architectuur, as well as her research and teaching within the KU Leuven Structural Contingencies platform, Caroline Voet traces possibilities for a new aesthetic of sustainability in architecture.

Caroline Voet is founder of the research-oriented practice VOET architectuur in Antwerp, Belgium, focussing on reconversions and the design of public interiors and scenography. She is professor at KU Leuven, Faculty of Architecture, where she realised her PhD on the work of Dom Hans van der Laan. Her research and teaching focus on the design within young heritage and re-use as a design attitude, generating a people centric architecture (www.structuralcontingencies.be and www.arp-kuleuven.be).

Prof. Dirk E. Hebel (online)

Einfach.Anders.Bauen - Die Stadt als Rohstofflager

Die Weltbevölkerung wächst seit Jahrzehnten stetig an. Gleichzeitig steigt der wirtschaftliche Wohlstand. Beide Entwicklungen führen zu einem zunehmenden Druck auf unsere natürliche Umwelt, unser Klima und unsere Ressourcen. Der weitaus grösste Teil unserer zum Bau verwendeten Materialien wird zur Zeit aus der Erdkruste entnommen, benutzt und dann entsorgt. Sie werden im wahrsten Sinne des Wortes konsumiert und nicht aus natürlichen oder technischen Kreisläufen ausgeliehen um anschliessend darin wieder aufzugehen. Dieser lineare Ansatz hat tiefgreifende Konsequenzen für unseren Planeten. Wir greifen tief in bestehende Ökosysteme ein, zerstören unsere eigene Lebensgrundlage. Natürliche Ressourcen wie Sand, Kupfer, Zink oder Helium werden bald nicht mehr technisch, ökologisch und ökonomisch sinnvoll vertretbar zur Verfügung stehen. Mit dem immer tiefer greifenden Abbau gefährden wir das Wohl künftiger Generationen.

Die gebaute Umwelt muss daher begriffen werden als temporäre Lagerstätte von Rohstoffen in einem endlosen Kreislaufsystem - ein radikaler Paradigmenwechsel wäre nötig. Wir brauchen dringend neue Prinzipien für den Bau, die Demontage und die ständige Umgestaltung unserer gebauten Umwelt. Gleichzeitig müssen wir die Frage beantworten, wie neue Materialien hergestellt werden können, die dem Anspruch einer Kreislaufwirtschaft entsprechen. Wir müssen vermehrt eine Verlagerung hin zum regenerativen Anbau, zur Zucht und Kultivierung von Ressourcen und Baumaterialien anstreben, anstatt uns weiterhin auf endliche Vorkommen zu verlassen.

Dirk E. Hebel ist Professor für Nachhaltiges Bauen am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Dekan der Fakultät Architektur. Er ist Autor zahlreicher Buchpublikationen, zuletzt Urban Mining und Kreisleisfgerechtes Bauen, die Stadt als Rohstofflager (2021), sowie Addis Abeba: Ein Manifest über den Fortschritt Afrikas (2018), Cultivated Building Materials (2017), oder Building from Waste (2014).

Louisa Hutton

Weitere Informationen folgen in Kürze.

Alle Treffen finden um 19:30 Uhr im EPH, Schinkelstr.2, 3.OG statt und werden über Zoom und YouTube übertragen. Anmeldungen sollten an geschickt werden. Für weitere Informationen schreiben Sie bitte an

Weitere Informationen finden Sie auf der Seite des Lehrstuhls für Architekturtheorie.