Im Schatten der Hochhäuser – Leben in Tokios Hintergassen // Christopher Ayumu Nakahara

Steckbrief

Eckdaten

Absolvent:
Christopher Ayumu Nakahara
Abschluss:
Master of Science
Betreuerin:
Bernadette Heiermann
Prüferin:
Prof. Anne-Julchen Bernhardt
Co-Prüfer:
Prof. Axel Sowa
Einrichtung:
Lehrstuhl für Gebäudelehre und Lehrstuhl für Architekturtheorie
 

Die Analyse zeigt, dass es durchaus lohnenswert ist, bei der Suche nach alternativen, gemeinschaftlichen
Wohnformen, die seit der Vormoderne geprägte Geschichte der roji weiterzuführen. Sie stellen eine Gegenbewegung
zu dem sonst kapital- und wachstumsorientierten Markt dar und sind offen für alle, statt Wohnkomplexe für exklusive Nutzer zu erzeugen.

Statt in sich abgeschottete, monotone Wohn- und Freiflächen, gilt es, seit Jahrzehnten etablierte räumliche
Konfigurationen des gemeinschaftlichen Wohnens beizubehalten, und Chancen in der Erweiterung
mit vielfältigen Funktionen wahrzunehmen, wie es erfolgreiche Reaktivierungsprojekte, z.B. in Yanaka,
vormachen, um so ein nachhaltiges Weiterbestehen kleinteiliger Strukturen in Tokio sicherzustellen.
Dadurch kann ein offenes, belebtes Wohnumfeld geschaffen werden, das durch ein Gemeinschaftsgefühl und eine starke lokale Identifizierung einen lebenswerten Ort in der Stadt bildet. Durch ihren inklusiven Charakter mit Nutzungsdurchmischung sind roji auch die Chance, durch ein gemeinschaftliches
Wohnkonzept Herausforderungen im Hinblick auf die überalternde Bevölkerung und immer
häufiger auftretende Fälle der Vereinsamung in der japanischen Bevölkerung anzugehen. Im Falle von
Tsukishima kommt noch die reiche Fischerei- und Industriegeschichte hinzu, die eine Identifikation
mit dem Wohnort zusätzlich verstärkt.

Die Diskurse zeigen, dass im Kontext der Globalisierung die Wichtigkeit von Lokalität und Identität
stärker wächst.1 Die roji tragen das Potenzial der Reaktivierung dieser Aspekte in sich, durch ihre Fähigkeit der Aneigbarkeit durch die Nutzer, die Förderung informeller Kommunikation durch ihre räumliche Konfiguration und durch das Vorhandensein vieler ablesbarer unterschiedlicher Zeitschichten. So charmant und ästhetisch reizvoll nagaya auch sind, als Wohnform sind sie heute nicht mehr zeitgemäß. Zu hoch sind Anforderungen an den Brandschutz, die Barrierefreiheit. Sie leiden unter Belichtungsproblemen, die auch ein Resultat des fehlenden Sichtschutzes vor Einblicken durch Fremde sind. Ihre Stärken liegen allerdings in ihrer kommunikationsfördernden gegenüberliegenden Anordnung, ihren kompakten, einfachen aber flexiblen Grundrissen, der Holzschiebetür, die eine einfache Zugänglichkeit und ein gewisses Maß an Erweiterung des privaten Wohnraums in den gemeinsam genutzten Gassenraum ermöglicht. Daher sollte man vor einem sofortigen Abriss Umnut-1 Schulz 2014: 26f. Nutzungsmöglichkeiten prüfen, um so die Lebenszeit dieser charakterstarken Langhäuser um eine gewisse Zeit zu verlängern, und diesen Zeitraum als Vermarktungsstrategie betrachten. Bei einer neuen Bebauung sollte dann das nagaya überarbeitet werden oder Nutzungen angepasst werden, um die genannten Probleme zu lösen. Die Übernahme einer kleinen Körnung, wie die der nagaya, resultiert folglich in, im Vergleich zu empfohlenen Anforderungen durch das zuständige Ministerium, kleineren Wohnflächen. Wie die Statistiken zeigen, werden diese Empfehlungen in der Tokioter Realität bei weitem unterschritten: ein Viertel aller Bewohner leben auf 11,4 m2 oder weniger bei empfohlenen 24 m2. Kompakte Grundrisse, wie die der nagaya zeigen sind nicht per se als schlecht, daher kann eine solche Empfehlung in gewissen Maßen unterschritten werden. Allerdings sollte in diesem Fall der private Raum durch gemeinschaftlich genutzte Anlagen erweitert werden können. Wie Riken Yamamoto in seiner Local Community Area zeigt, kann die minimierte Privateinheit durch Geschäftseinheiten zur Arbeit oder zu gewerblichen Zwecken erweitert werden. Dazu bieten großzügige Sanitäranlagen, Küchen und Aufenthaltsflächen zusätzlichen Lebensraum in Gemeinschaft. Mit klein geschnittenen Privateinheiten zur Miete, in einer feinen, städtebaulichen Körnung kann dem sich deutlich abzeichnenden Trend, weg vom Kernfamilienhaushalt hin zum Single-Wohnen, entsprochen werden. Die dichte Anordnung und die Öffnung zum gemeinschaftlich genutzten Gassenraum kann nach Abstimmung der Einsicht, als Gegenbewegung zur Überbewertung von Privatsphäre und der damit verbundenen Abschottung vor jeglicher Interaktion mit der Umwelt gesehen werden. Die Stadt scheint dem Fortbestehen der roji nicht negativ gegenüberzustehen. Der Bezirksplan von Tsukishima lockert in vielen Aspekten die strengen Vorgaben des Baunormengesetzes in Höhen- und Abstandsregulierungen, die bis in die späten 1990er Jahre den Um- und Neubau entlang der engen Gassen unmöglich machten. Die Stadt fördert den Ausbau der roji, da sie einen wichtigen Bestandteil der charakteristischen, historischen Stadtlandschaft Tsukishimas darstellen. Auch die städtebaulichen Entwurfsrichtlinien legen eine Anpassung der Nutzungen nahe, um insgesamt ein verbessertes Wohn- und Lebensumfeld zu bilden. Als Alternative zum Turm und auch zum nagaya, sollte auf Basis der Grundstruktur, die die roji vorgibt, und die ein wertvolles Potenzial birgt, eine neue, dritte Wohnform entwickelt werden. Im Hinblick auf den kurzen Lebenszyklus japanischer Gebäude, der im Schnitt etwa 25 Jahre beträgt, und die sich auch dadurch rasant verändernde Stadtlandschaft, sollte diese neue Form einfach an veränderte Bedürfnisse der Nutzer anpassbar sein. Dabei sollte die Lebensqualität der Bewohner im Sinne der slow architecture nach Fujimori im Fokus stehen.

Durch die geringe Gassenbreite, muss bei einer Nachverdichtung über ein neues Erschließungssystem nachgedacht werden, das jeweilige Einzelerschließungen nicht notwendig macht und eine flexiblere Anordnung von Nutzungen im Sinne einer vielfältigen Nutzungsdurchmischung ermöglicht. Hierbei sind Laubengangerschließungen heranzuziehen, da sie prinzipiell dem Gassenraum mit seiner gemeinschaftsstiftenden Kommunikations und Anpassungsfähigkeit sehr nahe kommen. Bei einer Erweiterung der Nutzungen der Gasse sollte beachtet werden, dass die Proportion des Gassenraums nicht zu sehr verändert wird, was durch Aufnahme bestehender Höhen und Rücksprünge in den oberen Geschossen erzielt werden kann. Funktional beschränken sich aktuell kommerzielle Nutzungen auf die breiteren Straßen und die zentrale Einkaufsstraße. Es scheint lohnenswert, kommerzielle Einrichtungen wie kleine Geschäfte, Restaurants und Büroeinheiten in die Gasse zu erweitern. Zusätzlich können Gemeinschaftsküchen und -wäschereien der Bewohner und öffentliche Einrichtungen, wie Kinder- und Altenbetreuung, Stadtteilbibliotheken o.ä. die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit ergänzen. Durch eine solche schrittweise Überführung in eine neue Wohnumgebung unter Beibehaltung der kleinteiligen Qualität der traditionell gewachsenen Gassenlandschaft von Tsukishima kann eine offene Alternative zum Wohnen im Turm erzeugt werden. Statt einer sofortigen Entfernung aus dem Stadtgrundriss und einem Ersetzen durch einen anonymen, zum Umfeld hin verschlossenen Wohnkomplex, haben die nagaya die Chance, einen zweiten Lebenszyklus zu durchleben. Die zerbrechlichen roji werden in ihrer Form beibehalten und sanft in eine neue Form überführt. Ergänzt durch Nutzungen wird der traditionell gemeinschaftliche Charakter verstärkt und reaktiviert.

So entsteht ein Ort für alle für ein lebenswertes Leben im Schatten der Türme.

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