Entstehung und Entwicklung von Metropolen : 4. Symposium 20. - 23.06.1996, Bonn

Jansen, Michael (Editor)

Aachen : RWTH Aachen, Fakultät Architektur (2002)
Tagungsband

In: Wissenschaftliche Schriften an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen 8
Seite(n)/Artikel-Nr.: 176 S. : graph. Darst., Kt.

Kurzfassung

Vom 20. bis zum 23. Juni 1996 fand in den Räumen des Historischen Seminars der Universität Bonn das 4. Symposium der "Interdisziplinären Arbeitsgruppe Stadtkulturforschung" statt. Wir hatten uns für das Thema "Entstehung und Entwicklung von Metropolen" entschieden. Es entsprach der guten Tradition des Arbeitskreises, daß die Organisatoren sowohl auf Interdisziplinarität als auch in gewissem Umfang auf Internationalität des Teilnehmerkreises achteten. Die Ausgangsfrage des Symposiums war: Welche Kriterien bestimmen Aufstieg - und Niedergang - von Metropolen? Dabei wurde ein möglichst offener Begriff von "Metropole" zugrunde gelegt. Wesentlich erschienen uns zentralörtliche Funktionen (die "Metropole" ist immer relativ zu einer Umgebung, zu einer Region zu verstehen), demographische Verdichtung in wiederum relativ bedeutendem Ausmaß und Multifunktionalität. Im allgemeinen Sprachgebrauch des Begriffs klingt der Aspekt der "außerordentlichen" Größe der Metropole an, obwohl das der Etymologie des Wortes nicht zwingend entspricht. Aber auch dies, so schien uns, kann nur relativ verstanden werden. Das mittelalterliche Köln läßt sich zweifellos als "Metropole" bezeichnen, nach modernen Maßstäben wäre es eine Kleinstadt. Die definitorischen Bemühungen finden sich in den hier vorliegenden Druckfassungen der Referate. Dann: Aufstieg und Fall. Das eine ist vom anderen nicht zu trennen; die Betrachtung des decline kann analytisch hilfreich sein, weil es gelegentlich die Relevanz des Wegfalls von Faktoren, ja gelegentlich selbst die Bedeutung eines einzigen Umstands zu erhellen in der Lage ist. Man nehme etwa als Beispiel die Folgen der Sperrung der Schelde während des niederländischen Sezessionskrieges für die zentrale Stellung Antwerpens. Oder, um einen anderen, komplexeren Fall anzuführen, die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang Venedigs, Entwicklungen, die nur im größeren Kontext der mittelmeerischen Weltwirtschaft erklärbar werden. Darüber hinaus hatte der Bedeutungsverlust des Mittelmeerraumes spätestens seit dem ausgehenden 16. Jh. Folgen für die Metropolen des Reiches. Eine vielversprechende These ist es etwa, den unbestreitbaren Niedergang der oberdeutsche Reichsstädte auch als Konsequenz der Mittelmeer-Krise zu sehen. Daß andere Faktoren - namentlich die Verdichtung der territorialen Staatlichkeit und in ihrer Folge der Aufstieg der Residenzorte wenn nicht zu Metropolen, so doch zu Orten mit gesteigerter Zentralität - in diesem Zusammenhang diskutiert werden müssen, liegt auf der Hand. Auch das Exempel Venedig führt auf differenzierte Frageraster: Welche Relevanz für den Aufstieg dieser Stadt hatte die strategisch günstige Lage in der Lagune, welche die politische Verfassung? Auch gilt es schließlich, den Stellenwert politischer Entwicklungen zu gewichten. Welche Folgen für die Stellung Venedigs hätte eine Niederlage der Serenissima im Chioggia-Krieg gehabt? In jedem Fall gilt: Die Demographie bietet die entscheidenden Daten. Man muß nur daran erinnern, welche Folgen der Abschluß der demographischen Transition für die europäischen Städte der Neuzeit hat. Hier ist die Metropolenbildung als demographische Entwicklung abgeschlossen, in der sogenannten Dritten Welt ist das bekanntlich keineswegs der Fall. Hier entstehen die gewaltigsten demographischen Verdichtungsräume aller Zeiten. Auch über die Folgen dieser Entwicklung war auf unserer Tagung zu diskutieren. Zu einschichtigen Ursache/Wirkungs-Modellen gelangt man bei der Beschäftigung mit dem Thema nicht. Die Bedeutung der Verkehrslage und der Entwicklung des Verkehrs etwa steht mit der Formierung von Metropolen in einer komplizierten, dynamischen Wechselbeziehung. Gewiß, am Anfang der Entstehung der Stadt und der Entfaltung ihres metropolitanen Charakters steht oft, ja fast immer die günstige Verkehrslage; sie ist ein wichtiger Faktor der Urbanisierung. Aber es ist dann der Verdichtungsraum, der einerseits den Verkehr auf sich zieht, die Verdichtung und Verfeinerung der Infrastruktur fördert. Zwei Fragen kamen auch in den Diskussionen wiederholt zur Sprache. Zum einen die Frage nach der urbanistischen Gestaltbarkeit der modernen Megastadt, dem Umgang mit dem Moloch "Metropole"; zum anderen die Frage der Bedeutung von Metropolen im Zeitalter der Globalisierung und der Genese der virtuellen Metropole in den weltumspannenden Datennetzen. Zum Internetsurfen braucht man kein Meer, und bedarf es, um zu regieren, einer Hauptstadt? In welchem Umfang kann es zu einer funktionalen Diversifizierung dank der neuen Medien kommen? Man kann schon heute in vielen Bereichen ortsunabhängig arbeiten, man kann einkaufen, Bankgeschäfte tätigen und anderes mehr, ohne einen Schritt vor die eigene Haustür zu setzen. Die Frage, welche Folgen diese Entwicklungen für die künftige Geschichte der Metropole haben, könnte ein spannendes Thema für ein weiteres Symposion des Arbeitskreises sein.

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