Altar und Liturgieraum im römisch-katholischen Kirchenbau : eine bauhistorische Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung der Veränderung des Standorts des Altars nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) -

Ahn, Jae-Lyong; Urban, Günter (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2004)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2004

Kurzfassung

Der Ursprung des christlichen Altars ist der Tisch, an welchem Jesus im Kreis der Zwölf das Abschiedsmahl gehalten hat. Ohne Zweifel stand der Tisch in der Mitte des Raumes. Einen Altar im Sinne eines liturgischen Gerätes kannte die Urgemeinde nicht, sondern nur Mahltische. Jeder Tisch konnte als Abendmahltisch benutzt werden und jeder Raum als Liturgieraum. Mit der Zusammenlegung des Wortgottesdienstes mit der Eucharistie (70 n.Chr.), mit der endgültigen Trennung der christlichen Gemeinde von dem Judentum (70-136 n.Chr.) und mit der Trennung der Eucharistie von dem Sättigungsmahl (um 110 n.Chr.) entwickelte sich der Liturgieraum als Längsbau mit einer West-Ost-Achse. Als die Gemeinden eigene Kirchengebäude errichten durften, gehörte ein Tisch für die Eucharistiefeier zur Einrichtung des Liturgieraumes. Zugleich muss die Anordnung zwischen der Kathedra und der Gemeinde allmählich legitimiert worden sein. Seit der konstantinischen Wende wurde "Basilika" zur Bezeichnung eines Kirchengebäudes. Der Altar stand in der Apsis bzw. im Apsisbereich. Mit der Umorientierung der Kirchenanlagen - Apsisostung und Standortwandel des Priesters - vollzog sich ein Standortwechsel des Altars. Im Mittelalter wurde die Liturgie eine Klerusliturgie und der Gottesdienst ein Chorgottesdienst. Es entstand eine räumliche Trennung zwischen Klerus- und Volksliturgieraum durch den Lettner. Damals bestand jedoch in jeder Kirche ein weit ins Schiff - in vielen Kirchen in die Mitte - vorgezogener Kreuzaltar als zweiter Hochaltar für das Volk. Das seit der Renaissance gewandelte Verständnis von Gott und der Welt wagte nicht, an dem alten Brauch zu rütteln. In der Zeit des Barock erschien die Tendenz der Altarverschiebung nach Osten endlich formal abgeschlossen zu sein: der Kreuzaltar wurde vom Mittelschiff entfernt, und der Hochaltar und der Kirchenraum bildeten eine räumliche Einheit. Mit der modernen liturgischen Bewegung seit 1909 begann eine Standortsverschiebung des Altars. Die Zelebration versus populum wurde praktiziert. Der Liturgieraum wurde zentralisiert. Der Altar bewegte sich zum Mittelpunkt des Liturgieraumes hin. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962/65) legitimierte diese Tendenz. Der Altar wurde Zentrum des Liturgieraumes. Viele alte Kirchen haben auch einen zum Volk gerückten neuen Altar bekommen, bei vielen großen Kirchen steht der neue Altar im Vierungsbereich. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden hauptsächlich Gemeindezentren gebaut, der Mehrzweckraum als Liturgieraum und die funktionale Integration der Kirche in den Zentren neuer Siedlungen gefördert. Es wurde die Notwendigkeit des Kirchenbaus als Bauthema selbst in Frage gestellt. Inmitten solch einer Situation ist wieder sakraler Kirchenbau gefragt. Neben den Zentralbaukirchen treten die Langhauskirchen in Erscheinung. Es gibt ebenso neue Versuchsmodelle: ein Versuch der Ortverlagerung zwischen Wortgottesdienst und Eucharistiefeier, das Prinzip der Kirche als Handlungsraum und neue Entwicklung des Liturgieraumes mit zwei Brennpunkten (Altar und Ambo) und einem Handlungsraum in der Mitte, nämlich ein Ellipsenmodell für Kirchenräume. Der Altar ist ein Symbol für Christus und zugleich für seinen Erlösungsakt. Er ist die geistige und künstlerische Mitte. Obwohl die Gemeinde nach heutiger Auffassung keinen heiligen Raum braucht und jeden Tisch als Altar gebrauchen kann, hilft der am Ort der Feier richtig platzierte Altar der Gemeinde, Christus und sein Handeln als ihr Lebenszentrum zu erfahren.

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