Die Entstehung und Entwicklung von Konflikten in nutzungsgemischten Quartieren : eine Untersuchung am Beispiel der ExWoSt-Modellprojekte Tübingen-Südstadt, Essen-Weststadt und Berlin-Komponistenviertel

  • Origin and development of conflicts in mixed-use developments : an analysis based on the ExWoSt pilot projects Tübingen-Südstadt, Essen-Weststadt and Berlin-Komponistenviertel

Wackerl, Wolfgang; Selle, Klaus (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2012)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2011

Kurzfassung

Ausgangspunkt und Motivation der vorliegenden Arbeit war es, einen vorurteilsfreien, sachlichen Blick auf nutzungsgemischte Quartiere und deren Konflikte zu gewinnen. Zu sehr ist die aktuelle Planungspraxis entweder von emotional ablehnenden oder von idealisierenden Sichtweisen geleitet. Was ist dran an der „Unmöglichkeit“ von nutzungsgemischten Quartieren? Sind deren systemimmanente Konflikte wirklich nicht in den Griff zu bekommen? Oder ist es auf der anderen Seite so, dass sich Konflikte wie von selbst „in Wohlgefallen auflösen“ und dabei stets kreative Prozesse nach sich ziehen? Nichts davon ist richtig. Nutzungsgemischte Quartiere sind nach wie vor nicht frei von Konflikten. Das enge Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten auf engem Raum führt im Alltag dieser Quartiere zwangsläufig zu Überlagerungen unterschiedlicher Lebenssphären. Dabei ist deutlich geworden, dass Konflikte vielschichtiger Natur sind. Oftmals entstehen Fehleinschätzungen oder Vorurteile gegenüber nutzungsgemischten Quartieren und deren Konflikten vor allem dadurch, dass man nicht genau hinsieht und der vielfältigen und individuellen Natur von Konflikten nicht gerecht wird. Mangelnde Präzision in der Analyse führt zu Pauschalurteilen und Standard-Maßnahmen, die in den seltensten Fällen greifen. Aus der systematischen, theoretischen und empirischen Betrachtung von Konflikten in nutzungsgemischten Quartieren im Rahmen der vorliegenden wissenschaftlichen Untersuchung wurde deren subjektive Konstruktion sowie deren Vielfalt und Individualität deutlich. Es lohnt sich, genau hinzusehen, um welche Arten von Konflikten es sich handelt. Erst aus der genauen Kenntnis des jeweiligen Konfliktes, lassen sich auch passgenaue, individuelle Lösungsmodelle entwickeln. Vor diesem Hintergrund wurde im Rahmen der vorliegenden Dissertation eine differenzierte Typologie zur systematischen Erfassung der unterschiedlichen Arten von Konflikten entwickelt. Das geltende Planungsrecht liefert insbesondere durch das besondere Städtebaurecht vielfältige Möglichkeiten und Instrumente, um in nutzungsgemischten Quartieren einen zielführenden Umgang mit Konflikten vorzubereiten. Erst jedoch das einzelfallbezogene Handeln über die Planung hinaus unter starkem Einsatz informeller Maßnahmen und Strategien kann dauerhaft tragfähige Lösungen hervorbringen. Weniger der Konflikt an sich ist demnach das Problem, sondern mangelnder oder falscher Umgang damit. Die vorliegende Arbeit konnte darstellen, dass insbesondere die Institutionalisierung und Regelung von Konflikten dabei helfen kann, deren Energie positiv zu nutzen und durch integratives Handeln produktive Lösungen zu entwickeln. Nutzungsgemischte Strukturen lassen sich nicht abschließend planen oder gar „in Zement gießen“. Erfolgreiche Nutzungsmischung entsteht immer wieder neu, wenn es gelingt, die unterschiedlichen Beteiligten dazu zu motivieren, daran „mitzubauen“. Planung kann diesbezüglich Strukturen vorgeben, die aufgrund ihrer Flexibilität und Gliederung einerseits Konflikte zulassen und integrieren, andererseits notwendige Grenzen und Regeln aufzeigen. Planung kann jedoch nicht abschließend Alltag organisieren. Hier kommt es darauf an, dass gleichzeitig Strukturen aufgebaut werden, die jenseits von rahmensetzender Planung Kommunikation und Austausch zwischen den unterschiedlichen Nutzergruppen fördern und gleichzeitig Interessen immer wieder neu vermitteln. Nutzungsmischung muss vor allem „gelebt“ werden. Feststeht, dass erfolgreiches Konfliktmanagement immer eine aktive Auseinandersetzung mit den jeweiligen Situationen und damit das besondere Engagement aller Beteiligten erfordert. Stadt lässt sich eben nicht durch Gesetzgebung „machen“, sie entsteht erst durch die aktive Mitwirkung und das verantwortungsvolle und bewusste Engagement jedes Einzelnen vor Ort. Langfristig zahlen sich jedoch nutzungsgemischte Strukturen aus. Die vorliegende Arbeit zeigt, dass es sich lohnen kann, integrativ mit Konflikten umzugehen: Sobald flexible Strukturen existieren, die sich immer wieder neu auf wechselnde Problemsituationen einstellen können und ausreichend engagierte Akteure an der Stadt „mitbauen“, kann es auch zu kreativen Prozessen kommen. Letzten Endes haben wir keine Wahl. Es gibt kein konfliktfreies Paradies auf Erden. Und wenn wir wirklich Stadt wollen, müssen wir uns auch darauf einlassen. Es geht also nicht um die Frage, ob wir uns Nutzungsmischung leisten können, sondern darum wie wir diese am besten in den Griff bekommen. Vor diesem Hintergrund muss es einerseits darum gehen, sich wieder zu erinnern, was „Stadt“ ausmacht. Zum anderen geht es dann aber auch darum, den Umgang mit nutzungsgemischten Quartieren besser und effektiver zu organisieren. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, was uns die nutzungsgemischte Stadt jenseits von Leitbildern, Fachdiskussionen und Marktmechanismen heute Wert ist und was jeder Einzelne von uns bereit ist, dafür persönlich zu investieren.

Identifikationsnummern