Holzgesimse der Renaissance in Italien und Spanien : Untersuchung zu Herkunft und Baugeschichte des Holzgesimses am Palazzo del Giardino in Sabbioneta

  • Wooden renaissance cornices in Italy and Spain : research on the origin and construction history of the wooden cornice of the Garden Palace in Sabbioneta

Helmenstein, Caroline; Pieper, Jan (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2014)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2014

Kurzfassung

Nach seiner Rückkehr von einem fast zehnjährigen Aufenthalt in Spanien im Dienste Philipps II. setzte Vespasiano Gonzaga – 1577 zum Herzog ernannt – ab 1578 den Ausbau seiner in der Poebene gelegenen Idealstadt Sabbioneta mit der Anlage der im Südwesten der Stadt gelegenen heutigen Piazza d‘Armi fort. Als erstes Bauwerk wurde dort das Casino Vespasianos, der heutige Palazzo del Giardino, unter Verwendung bereits bestehender Bausubstanz errichtet und der dazugehörige Garten angelegt. Doch bereits ab 1583 folgten eine Reihe weiterer Baumaßnahmen, in die das Casino einbezogen wurde: An seine Westseite wurden weitere, heute zum Teil nicht mehr bestehende Gebäude angeschlossen, die das Casino mit der 65 m weiter westlich gelegenen Rocca verbanden, und an die zur Piazza gelegene Nordfassade des Casinos wurde annähernd rechtwinklig der fast 100 m lange Corridor grande angebaut, um die Antikengalerie des Herzogs zu beherbergen. Das Obergeschoss des Casinos war von diesem Zeitpunkt an Teil eines von der Rocca ausgehenden hochliegenden Ehrenganges, der vermutlich die ganze Stadt bis zum Palazzo Ducale durchzog. Während das Freskenprogramm des Casinos – vor allem die sehr gut erhaltene Ausmalung der Räume im Obergeschoss – bereits mehrfach eingehend analysiert wurde, ist der im Vergleich mit den angrenzenden Bauwerken unscheinbar wirkende hell verputzte Außenbau des Gebäudes – und insbesondere sein Holzgesims – von der Forschung bisher weitgehend unbeachtet geblieben. Betrachtet man die langgestreckte, von schmalen Eckrisaliten eingefasste Hauptfassade genauer, sticht vor allem das hölzerne Hauptgesims hervor. Dreizehn Löwenkopfkonsolen unterteilen das von den beiden Eckrisaliten begrenzte Holzgesims in zwölf gleich gestaltete Abschnitte. Jeder Gesimsabschnitt ist seinerseits durch drei schmalere Volutenkonsolen viergeteilt. Die metopenartigen quadratischen Felder zwischen den Konsolen sind abwechselnd mit Bukranien und, da hinter ihnen Pfeile angebracht sind, zu Schilden umgedeuteten Opferschalen geschmückt – den typischen Schmuckmotiven der Metopen eines dorischen Frieses. Der auffallende Rhythmus und die charakteristischen Einzelformen des Holzgesimses können jedoch weder ausschließlich über die Bezugnahme auf die Ausbildung steinerner Konsolengesimse hergeleitet werden, noch finden sich in Italien vergleichbare hölzerne Gesimsausbildungen, die als Vorbild für die Ausgestaltung des Holzgesimses am Palazzo del Giardino in Sabbioneta hätten dienen können. Zu Beginn der vorliegenden Arbeit wird daher eine detaillierte Rekonstruktion der komplexen Baugeschichte des Palazzo del Giardino sowie der angrenzenden Bauten an der Piazza d‘Armi vorgenommen, da sich erst auf Grundlage dieser Betrachtungen die Genese des Sabbionetaner Holzgesimses nachvollziehen lässt. Darüber hinaus werden Gesamtgestaltung, Einzelformen und konstruktive Einbindung des Holzgesimses am Palazzo del Giardino im Rahmen dieser Arbeit erstmals ausführlich beschrieben, die Funktion des Holzgesimses für die Gestaltung der Casinofassade analysiert und die Bedeutung des Casinos im Kontext der Piazza d‘Armi und somit auch im Kontext der Gesamtstadt Sabbioneta thematisiert. Im Anschluss wird die Verbreitung und Gestaltung von Holzgesimsen innerhalb Italiens und – da Vespasiano Gonzaga zeitlebens eng mit dem spanischen Königshaus verbunden und mit der spanischen Kultur bestens vertraut war – auch innerhalb Spaniens untersucht. Bisher wurden weder die italienischen noch die spanischen Holzgesimskonstruktionen einer systematischen Betrachtung unterzogen. Dies – die Klassifikation, exemplarische Beschreibung und vergleichende Gegenüberstellung italienischer und spanischer Holzgesimse der Renaissance – wird hier geleistet, um auf dieser Grundlage das Holzgesims des Palazzo del Giardino in Sabbioneta präzise einordnen und von anderen Gesimskonstruktionen abgrenzen zu können. Die Dissertation steht im Zusammenhang mit dem durch die DFG geförderten Forschungsprojekt „Die Hochkorridore von Sabbioneta“, das am Lehrstuhl für Baugeschichte der RWTH Aachen unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing. Jan Pieper durchgeführt wurde. Im Rahmen des Forschungsprojektes wurde das System hochliegender Gänge untersucht, das die Herrschaftszonen der Residenzstadt Vespasiano Gonzagas in den 1580er-Jahren miteinander verband.

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