Grenzen und Stadt : 2. Symposium in Münster vom 24. - 26. Juni 1994

Jansen, Michael (Editor); Johanek, Peter (Editor)

Aachen (1997)
Tagungsband

In: Veröffentlichungen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Stadtkulturforschung 2
Seite(n)/Artikel-Nr.: XXIV, 204 S. : Ill., graph. Darst., Kt.

Kurzfassung

Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Stadtkulturforschung legt in diesem Band die Ergebnisse ihres 2. Symposiums vor. Das im Jahr zuvor auf der Paderborner Tagung der Arbeitsgruppe beschlossene Thema "Grenzen und Stadt" wird hier in neun Studien abgehandelt, die chronologisch die Zeitspanne vom Beginn des 2. Jahrtausend v. Chr. bis in die Gegenwart abdecken und geographisch in Europa, Afrika und Asien angesiedelt sind. Grenzziehung ist der Versuch eine geordnete Welt zu schaffen. Gruppenbildung bei Mensch und Tier definiert sich über die Ausbildung von Grenzen, und sie erweist sich umso notwendiger je komplexer soziale Gebilde sind. Grenzen bestimmen die "Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft und zugleich auch die Gliederung der Bevölkerung und die Funktion des allgemein zugänglichen Raumes" (von Hesberg). Grenzen versichern Gruppen ihre Identität und markieren Unterschiede. Es liegt auf der Hand, daß der komplizierte Sozialkörper Stadt in besonderer Weise nach einer solchen Ordnung verlangt, nach realen und imaginären Grenzen, die die Stadt von dem sie umgebenden Land scheiden, sie in Unterbezirke gliedern und in ihr soziale Räume definieren. Die Stadt wird durch ihre äußeren und inneren Grenzen strukturiert und überschaubar gemacht, ja gerade die Definition einzelner Gruppen durch Grenzziehung ermöglicht deren Artikulation als Gruppe und damit die Kommunikation der Gruppen untereinander. Die Kraft des Sozialkörpers Stadt erweist sich darin, inwieweit es ihm gelingt, die oft sehr scharfen und schroffen inneren Grenzen - ökonomische Verhältnisse, Tribalismus, Ethnizität, Religion, Konfession u.a. - wenn nicht aufzulösen, so doch in einer Weise zu überwinden, durch die die Integration der Stadtbewohner zu einem einheitlich handelnden Ganzen erreicht wird. Die Stadt wird vom Beginn ihrer Geschichte an durch scharfe Grenzen charakterisiert. Deren Festsetzung ist - besonders in der älteren Geschichte, im alten Ägypten, im alten Orient, in der Antike - ein traditionssetzender Akt, ein Akt der Memoria, wie es etwa die Königsinschrift des mittelassyrischen Herrschers Tukulti-Ninurta I. aus dem 13. vorchristlichen Jahrhundert verdeutlicht (Dittmann). Grenzen orientieren sich an Traditionen, suchen sich historisch zu legitimieren, selbst wenn es sich dabei um "erfundene Tradition" handelt (vgl. etwa Eric Hobsbawm/Terence Ranger (Hg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1983; auch Briesen in diesem Bd.). Erst die umfassende Urbanisierung unserer Tage, die über die alten Stadtkerne weit hinausgreift, und polyzentrische, verstädterte Agglomerationen und Regionen schafft, deren Gestalt durch die Leitlinien von Stadtplanern, Kommunalpolitikern und Ökonomen ohne Berufung auf Traditionen gestaltet werden, scheint zu einer Art posturbaner Entgrenzung zu führen (Pankoke). Die hier vorgelegten Studien können als Beiträge zu einer Diskussion aufgefaßt werden, die sich zur Zeit auf breiter Basis auch in der auf die traditionelle europäische Stadt gerichteten vergleichenden geschichtlichen Städteforschung zu entwickeln beginnt. Das Institut für vergleichende Städtegeschichte in Münster zum Beispiel hat kurze Zeit nach dem Symposium der Arbeitsgruppe seine Jahrestagung 1995 dem Thema "Sondergemeinden und Sonderbezirke in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadt" gewidmet und der Schweizer "Arbeitskreis für Stadtgeschichte" plant für 1996/97 zwei Konferenzen zum Thema "Abgrenzungen - Ausgrenzungen in der Stadt". Das erweist die Aktualität der Fragestellung, die die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe für Stadtkulturforschung sich auf diesem Symposium vorgelegt hat. Das Symposium fand im Institut für vergleichende Städtegeschichte an der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster statt. Es wurde organisatorisch vorbereitet durch die Mitarbeiter des Instituts, insbesondere durch Dr. Heinz-Karl Junk, den am 22. Februar 1996 ein Unfalltod aus unserer Mitte gerissen hat.

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