Picasso : die Arbeit mit den Anderen

  • Picasso : working with others

Gülpers, Josef; Schneider, Ulrich (Thesis advisor); Markschies, Alexander (Thesis advisor); Spijkers, Wilhelmus (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2015)
Doktorarbeit

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2015

Kurzfassung

Aus welchen Quellen schöpfte Picasso für sein unermesslich reiches und vielgestaltiges Werk, welche Arbeiten anderer Künstler sah er und wie und warum traten diese Werke in seinen eigenen Bildern in Erscheinung? Er zitierte bekannte Vorbilder, aber oft nicht ganze Gemälde, Grafiken, Zeichnungen und Skulpturen, sondern er übernahm lediglich einzelne Fragmente oder Ideen, zum Beispiel taucht der Stuhl aus van Goghs Schlafzimmer in Arles in seinen Bildern der Blauen Periode auf. So kommen zu den paraphrasierten Gemälden einzelne Zitate. Das kann ein Gegenstand sein wie van Goghs Stuhl, das können Kompositionselemente sein, Ideen für ein Bildthema, Farbaspekte, Farbauftrag usw. Ein Blick auf die Themen und Sujets Picassos verdeutlicht, dass er sich nahezu ausschließlich auf bestehende, traditionelle Ikonografie stützt. Während Picassos Jugendzeit ist er dem Einfluss der zeitgenössischen Literatur und der künstlerischen Avantgarde in Europa verpflichtet. Erst später beginnt er auszuwählen. In seinen Paraphrasen zu Courbet, Manet, Delacroix, Velázquez, Cranach, Poussin und anderen geht er von deren inhaltlichen Schemata aus. Er zieht bekannte und anerkannte Themen heran und spielt mit ihnen, indem er den Unterschied zwischen Vorbild und Paraphrase variiert. Er diskutiert in seinen Bildern über die Kenntnis der „Alten Meister“ und deren Veränderungen in seinem Werk. Picasso ist sein ganzes Leben mit seinem spanischen Geburtsland eng verbunden und das sowohl in der künstlerischen als auch in der kulturellen Tradition. Er sieht die ersten Meisterwerke der alten spanischen Meister Velázquez, Goya und El Greco im Prado, er lernt an und mit ihnen, er ist fest verankert im spanischen Modernismus, er lernt die archaischen und mittelalterlichen Figuren seines Heimatlandes kennen, er bezieht Stellung gegen Franco und seine faschistische Weltauffassung, er malt das aufrüttelnde Bild Guernica, er engagiert sich nach dem Zweiten Weltkrieg für sein Land und zieht schließlich an die Mittelmeerküste, wo er näher an seinen mediterranen Wurzeln und dessen künstlerischen Traditionen ist.Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts und damit in die Jugendzeit Picassos hinein gehörten künstlerische Kreativität und Originalität nicht unbedingt zum Idealbild eines Künstlers. Die Ausbildung orientierte sich an bestehenden Kunstdenkmälern. Die Künste sind theoretisiert und durch ein festes Regelwerk lern- sowie lehrbar, wobei die Nachahmung eine äußerst wichtige Rolle spielt. Giorgio Vasari beschreibt seine zeitgenössische Kunstgeschichte als den Fortschritt von Giotto bis in seine Gegenwart. Die Qualität einer Arbeit richte sich nicht nach deren Originalität und Unabhängigkeit von anderen Kunstwerken und Künstlern, wie dies heute der Fall ist, sondern auf die Fähigkeit des Künstlers, die für seine Zwecke passenden Vorbilder heranzuziehen und durch Variation für den Darstellungszweck umzugestalten. Es ist also nicht das reine Kopieren gefragt, sondern ein schöpferischer Umgang mit Vorbildern. Neben dem Nachahmen der Natur und der Antike, können sich auch Kunstwerke der jüngeren Zeit als Vorbilder etablieren. Trotz einiger Neuerungen werden in den Kunstakademien bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert grundlegende Prinzipien beibehalten, zum Beispiel die Forderung nach Einheit von Form und Inhalt und die Wertung der einzelnen Gattungen, wobei die Historienmalerei an der Spitze steht, während Darstellungen des einfachen Lebens an der unteren Stelle rangieren.Picasso ist nicht der erste Künstler, der dieses System negiert. Manets Bild Frühstück im Freien von 1863, welches Picasso hundert Jahre später in etlichen Arbeiten paraphrasiert, erregt bei seiner Ausstellung heftiges Aufsehen, da Manet mit voller Absicht gegen diese Normen verstößt. Manet will die Kunst neu definieren. Er negiert nicht die kunstgeschichtliche Tradition, sondern er geht völlig frei mit ihr um. Seine Verfremdung wirkt schockierend auf seine Zeitgenossen, als etwas völlig Neues. Manet übernimmt exakt die Komposition eines berühmten Werkes und folgt darin der Forderung der Akademie.Genau dies ist für Picasso von Bedeutung und deshalb wird er das Bild Manets für eine Paraphrase ausgewählt haben; auch Picasso negiert nicht die kunstgeschichtliche Tradition, sondern geht völlig frei mit überlieferten Formen und Motiven um. Mit Picasso tritt die Nachahmung berühmter Kunstwerke in ein neues Stadium: die Motive und die Formen sind nun ein Fundus beliebiger Verfügbarkeit. Besonders in diesen Paraphrasen stellt sich Picasso als ein Künstler vor, dem alle erdenklichen Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen und der sich in allen Stilbereichen meisterlich auszudrücken versteht, und so fügt sich Picasso aus eigenen Stücken einer künstlerischen Ordnung ein, die er nicht gesetzt hat. So gesehen, bedeuten diese Arbeiten ein gewisses Maß an Verzicht auf Freiheit, allerdings auch deren Anerkennung. Somit sind die Paraphrasen ein überaus komplexes Werk, das zunächst künstlerisches Interesse und Auseinandersetzung, Aneignung, Respektierung und schließlich die Überwindung der Tradition beinhaltet.In seiner Jugend erfährt Picasso, in erster Linie durch seinen Vater, prägende Eindrücke aus der Kunstgeschichte, die er im Prado erweitert. In Paris stehen dem jungen Picasso nicht nur die großen Museen mit ihren herausragenden Sammlungen zur Verfügung, sondern er beobachtet genau die Arbeiten seiner Zeitgenossen. Darüber hinaus nimmt Picasso das pulsierende Leben der Großstadt in sich auf. Neben häufigen Besuchen im Louvre, mehrt Picasso sein Wissen über die Weltkunst aus Büchern und Katalogen und schafft sich einen imaginären Bildervorrat, aus dem er sein ganzen Leben schöpfen kann. In etlichen seiner Aussagen zur Kunst wird ersichtlich, über welch ungeheures Wissen zur Kunstgeschichte er verfügt, aber auch, welche Künstler und aus welchen Gründen er bevorzugt oder ablehnt. Picasso ist absolut mit den Entwicklungen und Strömungen der europäischen Kunstgeschichte vertraut. Diese Kenntnisse sind nur durch intensive Beschäftigung und durch eigene Anschauung zu erwerben. Im schöpferischen Umgang mit dem traditionellen Erbe gelingt Picasso, etwas völlig Neues zu schaffen.

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