Vom Industrieareal zum Stadtteil: Zürich West - Räumliche Transformationen – Planungsprozesse – Raum(um)nutzung

  • Change from the industrial area to an urban district: Zurich West - Spatial transformations – planning processes – conversion in use

Thissen, Fee; Selle, Klaus (Thesis advisor); Wachten, Kunibert (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2015)
Doktorarbeit

In: PT_Materialien 34

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2015

Kurzfassung

Die Dissertation „Vom Industrieareal zum Stadtteil : Zürich West. Räumliche Transformation - Planungsprozesse - Raum(um)nutzung” befasst sich mit den Verläufen der Entwicklung innerstädtischer Brachflächen. Am Beispiel des Entwicklungsgebietes Zürich West wurden 1. räumliche Transformationen, 2. Planungsprozesse und 3. Formen der Raum(um)nutzung und -aneignung in den Blick genommen und Zusammenhänge zwischen den Entwicklungen aufgezeigt. Mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel der 80er-Jahre kam es in zahlreichen Städten in den Industriestaaten zur Stilllegung oder Abwanderung der Industrie. Diese Veränderung resultiert in gebietsweisen ‒ infrastrukturellen und funktionalen ‒ Transformationen brachliegender Bestandsflächen. Aufgrund der Fülle an Umstrukturierungen sind Dokumentationen und Literatur umfangreich. Dennoch bezieht sich die aktuelle wissenschaftliche Auseinandersetzung überwiegend auf einzelne Projekte oder Aspekte der Entwicklungen. Um das Wissen über die dyna-mischen und vielschichtigen Verläufe der Veränderungsprozesse zu erweitern, ist es notwendig, ihre längerfristige Entwicklung nachzuvollziehen und abzubilden. Die Veränderungsprozesse in Zürich West werden daher über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren, angefangen um 1990, untersucht. Das Fallbeispiel definiert ein Entwicklungsgebiet im Westen der Stadt Zürich, das sich durch politische, wirtschaftliche, räumliche und gesellschaftliche Veränderungen vom ehemaligen Industriegebiet zu einem neuen Stadtteil Zürichs gewandelt hat. Basierend auf einer Quellen- und Dokumentenrecherche, anhand von Interviews mit Stadtplanern und Architekten und der angewandten Methode „Mapping” wurde die städtebauliche Entwicklung des Gebietes betrachtet. Leitfadengestützte Interviews mit Experten aus Politik, Wirtschaft und Planung, verbunden mit einer weiteren Literaturauswertung, dienten dazu, die komplexen Planungsprozesse nachzuvollziehen. Der Frage, wie die Räume in Zürich West umgenutzt und von lokalen Akteuren angeeignet werden, wurde mittels narrativer Zeitzeugeninterviews nachgegangen. Anhand der Methode der teilnehmenden Beobachtung, dem Mapping von Alltagsräumen und Vignetten wird aufgezeigt, wie sich die Nutzung öffentlicher Räume mit dem Wandel des Gebietes ändert. Aus den Zusammenhängen zwischen den Entwicklungen am Beispiel von Zürich West wird deutlich, dass bei derartigen Prozessen verschiedene Konflikte und Blockaden auftreten können, die den angestrebten Erfolg der Umstrukturierung einschränken oder gar verhindern. Dazu zählt, dass politische oder gar ideologische Interessen eine Gesamtplanung und mögliche strukturelle Veränderungen aufhalten können. Die vorliegende Untersuchung verdeutlicht, dass ein Planungsrahmen ‒ der in Zürich West aufgrund von politischen Auseinandersetzungen fehlte ‒ notwendig ist, um einer räumlichen und funktionalen Verinselung entgegenzuwirken. Weiter kann aufgezeigt werden, dass wirtschaftliche Interessen Ziele und Fachaussagen der Stadtplanung überlagern und ihre Umsetzung beeinflussen. In dem Zusammenhang wird deutlich, dass bei Planungen zu überwiegend privaten Grundstücken ein Bedarf an anderen Steuerungsmöglichkeiten und Planungsinstrumenten für öffentliche Akteure besteht. In Zürich West waren informelle Aushandlungen zwischen privaten und öffentlichen Akteuren von großer Bedeutung. Sie fanden mit Partnern statt, die Privat-eigentum oder Investitionen zur Kooperation beitragen konnten und blieben teilweise intransparent, da wichtige Teile der Kooperationen hinter verschlossenen Türen stattfanden. Des Weiteren lässt sich aus der Auseinandersetzung schließen, dass durch Blockaden und „Nicht-Planung” Möglichkeitsräume entstehen können. In Zürich West wirkten sich insbesondere vielfältige Zwischennutzungen impulsgebend auf die folgenden Veränderungsprozesse aus. Obwohl durch derartige Aneignungen eine schleichende Umnutzung ausgelöst wurde und sich das ehemalige Industriegebiet tatsächlich zu einem neuen Stadtteil Zürichs gewandelt hat, bleibt die Interaktionsdichte in den öffentlich nutzbaren und zugänglichen Außenräumen bislang gering. Um aus den in Zürich West gewonnenen Erfahrungen für vergleichbare Planungsaufgaben zu lernen, wurden an die zentralen Befunde anknüpfend weiterführende Ansätze und Fragestellungen formuliert, die Bezug nehmen auf a) die räumliche Transformation im Verständnis einer Gesamtentwicklung, b) das städtebauliche Ziel der Nutzungsmischung und die Frage nach ihrer Umsetzbarkeit, c) Steuerungsmöglichkeiten der öffentlichen Hand zu privaten Entwicklungsvorhaben, d) die Beteiligung der Öffentlichkeit an Kooperationen, e) Zwischennutzungen als Impulsgeber der Stadtentwicklung und f) die Nutzung öffentlicher Räume. Die Arbeit wird mit der Frage abgeschlossen, inwiefern sich die veränderten Planungsaufgaben, die sich „der Planung” mit der Entwicklung innerstädtischer Brachflächen stellen, auf das Rollenbild der Stadtplanerin und des Stadtplaners auswirken. Die Überlegungen führen zu der Erkenntnis, dass die Umstrukturierung innerstädtischer Brachflächen Resultat des Zusammen-wirkens vieler Akteure ist. Die Stadtplanung übernimmt dabei ‒ im Idealfall ‒ als „realitätsbewusster Teamplayer” eine leitende und vermittelnde Funktion auf Augenhöhe mit den gleichberechtigten Mitspielern.

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