City oder Suburb - Wohnoptionen für Familien im gesellschaftlichen Wandel : untersucht in Düsseldorf-Innenstadt und Neuss-Allerheiligen

  • City or suburb - options in settlement structure for families in time of change : researched in Düsseldorf and Neuss-Allerheiligen

Tintemann, Inken; Selle, Klaus (Thesis advisor); Kramer, Caroline (Thesis advisor)

Aachen : Publikationsserver der RWTH Aachen University (2015)
Doktorarbeit

In: PT_Materialien 35

Aachen, Techn. Hochsch., Diss., 2015

Kurzfassung

Gesellschaften und Volksökonomien wandeln sich und mit ihnen Anforderungen, Wohnvorstellungen und Wohnoptionen der Haushalte. Als Keimzelle der Gesellschaft bedürfen gerade Familien mit Kindern besonderer Aufmerksamkeit. Sie befinden sich in einer extremen Lebenslage, die durch die Fürsorgepflicht der Eltern und Unmündigkeit der Kinder mit eingeschränkten Handlungsspielräumen verbunden ist. Es handelt sich um einen Haushaltstyp mit speziellen Merkmalen und Bedürfnissen sowie sich daraus ergebenden Anforderungen an das Wohnumfeld. Veränderungen der Rahmenbedingungen durch Wandlungsvorgänge in der Gesellschaft können beson-ders für familiale Lebensformen mit erheblichen Auswirkungen verbunden sein. Gerade die Wohnsituation spielt, da hier ein Grundbedürfnis berührt wird, eine wichtige Rolle. Der in Deutschland stattfindende Umbruch von der fordistischen zur spätmodernen Gesellschaft lässt besondere Auswirkungen auf die Wohnoptionen für Familien vermuten. Der Fordismus ist mit einem klaren Rollenbild, Familienmodell und Wohnleitbild verknüpft. Diese zentralen Merkmale dürften gleichfalls Wandlungsprozessen unterliegen und die Frage nach künftigen Anforderungen, Wohnqualitäten und Wohnleitbildern aufwerfen. Nachdem lange Zeit das suburbane Wohnleitbild für Familien als gesellschaftlicher Konsens galt, werden insbesondere urbane Wohnlagen als neue Wohnoption für Familien diskutiert, weil verdichteten Siedlungsstrukturen mehr „Zeitgerechtigkeit“ nachgesagt wird. Zeitmangel kennzeichnet die spätmoderne Familie in besondere Weise, vor allem das Erfordernis der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Trotz wahrnehmbar vermehrter Präsenz von Familien in den Städten weisen Statistiken auf eine anhaltende Abwanderung von Familien in den suburbanen Raum hin. Da beiden Siedlungsstrukturtypen in fachlichen Diskursen Eignungen zugesprochen werden, lautet die der Untersuchung zu Grunde liegende Hypothese: Die Qualitäten eines Wohnstandortes für Familien lassen sich nicht mehr als universelles Leitbild zusammenfassen, sondern entstehen im Zusammenspiel von individuellen und haushaltstypischen Anforderungen der nachfragenden Familien und den Möglichkeiten, die sich aus den Siedlungsstrukturen ergeben. In Teil A der Arbeit wird der Untersuchungsgegenstand „Haushaltstyp Familie“ definiert und in seinen unterschiedlichen Dimensionen näher beleuchtet. Auch die Ausprägungen der spätmodernen Gesellschaft mit besonderen Folgen für Familien werden näher beschrieben. Merkmale, die den Haushaltstyp Familie charakterisieren und von anderen Haushaltstypen abgrenzen, sowie die Anforderungen der unterschiedlichen Mitglieder innerhalb einer Familie werden zusammengestellt. Hinzu kommen Parameter zur Bewertung der Zeitgerechtigkeit von Siedlungsstrukturen. Der daraus entwickelte Anforderungskatalog, bestehend aus qualitativen Aspekten (z.B. Verkehrsberuhigung) quantitativen Aspekten (z.B. Wohnungsgröße) und zeitsparenden Bewältigungsstrategien (z.B. durch Flexibilisierung, Externalisierung, Entgrenzung), ist Grundlage für eine Matrix, mit deren Hilfe Gebäudetypologien und Siedlungsstrukturen exemplarisch verglichen werden können. Teil B umfasst den empirischen Bereich der Untersuchung mit einer Befragung von Familien an den exemplarischen Wohnstandorten Düsseldorf-Innenstadt und Neuss-Allerheiligen. Die Datengrundlage ist mit explorativen Methoden von Familien erhoben worden, die mit ausschließlich berufstätigen Eltern der spätmodernen Lebenswelt zuzurechnen sind. Die Interviewpartnerinnen und Interviewpartner waren aufgefordert, Auskunft über Wanderungsmotive, Wohnsituation, Alltagspraktiken und Lebensqualität an ihrem Wohnstandort zu geben. Die Aussagen wurden systematisiert dargestellt, Themenschwerpunkten zugeordnet und ausgewertet. Teil C fasst die Ergebnisse der Studie zusammen. Als zentrales Ergebnis kann festgehalten werden, dass sich die Wohnstandortentscheidungen der Familien zwar an Leitvorstellungen orientieren, diese aber nicht mehr obligatorischen, sondern optionalen Charakter haben. Das Spektrum an Optionen erweitert sich. Es kristallisiert sich demnach kein neues Leitbild im Sinne einer ideologischen Vorgabe heraus, vielmehr wählen Familien ihren Wohnstandort auf Grund präferierter Lebensstile, interpretieren die räumlichen Gegebenheiten nach ihren Anforderungen und substituieren Defizite der Raumstruktur durch passende Bewältigungsstrategien, die für beide Siedlungsstrukturtypen der Untersuchung identifiziert werden konnten. Sowohl für urbane als auch für suburbane Standorte konnten Wohnqualitäten für Familien ermittelt werden, die nicht individuellen, sondern strukturellen Ursprungs sind und sich damit auf andere Standorte übertragen lassen. Beispiel hierfür ist der „Heimvorteil“ im suburbanen Raum, wo verlässliche soziale Netzwerke gefördert werden, weil die aktuelle Elterngeneration selber vielfach im suburbanen Raum aufgewachsen ist bzw. man dort Wohnraum für das Zusammenleben mehrere Generationen findet. Aber auch urbane Lagen haben Stärken, z.B. durch einen „Flatrate-City“-Charakter, der Familien für ihre Vielzahl an Aktivitäten größere und flexibler nutzbare Zeitfenster öffnet. Der Mangel an privatem Raumangebot wird durch die Bespielung öffentlicher Räume und besonderer Orte ausgeglichen, wo sich „Gleichgesinnte“ finden und Kontakte knüpfen. Aus den Ergebnissen konnten Handlungsempfehlungen für Planungsverantwortliche abgeleitet werden, deren Auftrag es ist, die Bevölkerung – insbesondere Familien – angemessen und zeitgemäß mit Wohnraum zu versorgen.

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