Dieter Rübsaamen : Visuelle Erfahrbarkeit unsichtbarer zu verortender Prozesse

  • Dieter Rübsaamen : visual perception of invisible processes yet to be positioned

Müller, André; Markschies, Alexander (Thesis advisor); Bleek, Jennifer (Thesis advisor)

Aachen (2016, 2017)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2016

Kurzfassung

Die Dissertation unterzieht das Werk des mit Einreichen des Promotionsgesuchs in Bonn lebenden Künstlers und August-Macke-Preisträgers der Stadt Bonn Dieter Rübsaamen einer kunstwissenschaftlichen Analyse und leistet einen Beitrag zur Weiterentwicklung wissenschaftlicher (u.a. epistemologischer) Methoden. Die empirische Grundlage der Dissertation bildet das vom Autor über einen längeren Zeitraum hinweg erstellte und von unterschiedlichen Orten zusammengetragene Werkverzeichnis mit 3450 verzeichneten Werken des Künstlers. Dieses beginnt 1948 und endet 2015 mit seinen vorläufig letzten Werken. Das Werkverzeichnis beinhaltet, soweit vorhanden und recherchierbar, Angaben zum Entstehungsjahr der einzelnen Werke, zu deren Titel, Technik und Abmessungen. Da die Werke größtenteils noch im Atelier des Künstlers, jedoch auch an anderen Orten, vorhanden sind, ordnet das Werkverzeichnis den einzelnen Werken antichronologisch Werkverzeichnisnummern zu. Werkverzeichnis und Abbildungen der nachfolgend genannten Werkzyklen sind integraler Bestandteil der Dissertation. Das empirische Ausgangsmaterial als Basis nutzend leitete der Autor begründet aus den 3450 Werken 15 Werkzyklen ab, ordnete ihnen eine Auswahl von 100 Werken zu und unterzog diese einer kunstwissenschaftlichen Analyse. Die Analyse orientierte sich an zuvor formulierten Forschungsleitfragen, der Einordnung der Werke in gängige Theorien der Gegenwartskunst, vor-ikonographischen, ikonographischen und ikonologischen Analyse- und Interpretationselementen sowie der Struktur der künstlerischen Werke, der Lebensgeschichte des Künstlers, seines Arbeitsprozesses und Kommunikationsstils und der Rezension und Rezeption der künstlerischen Werke durch andere.Die Forschungsleitfragen beziehen sich auf folgende Aspekte:Welche Vorgehensweise wählt Rübsaamen als Künstler und Forscher; wie lässt diese sich im Sinne der von ihm entwickelten Emergenzschritte operationalisieren?Unter welchen Bedingungen entstehen Rübsaamens Werke, welche Rolle spielen dabei Bedingungen, die in der Person Rübsaamen, seinem Berufsalltag und sozialem Umfeld liegen?Welchen Einfluss übt Literatur auf die Entstehung der Werke Rübsaamens aus? Welches Verhältnis besteht zwischen seinen Werken, deren Präsenz und Wahrnehmung durch potentielle Betrachter?Welche zusätzlichen Elemente nehmen Einfluss auf die Werke im Sinne des derzeit festzustellenden Paradigmenwechsels vom pictorial and iconic turn (vgl. William J. Mitchell 1992; Gottfried Boehm 1994; Christa Maar, Hubert Burda 2004) zum visual, sensitive and preceptive turn (vgl. Ulrich Ratsch, Ion-Olimpiu Stamatescu, Philipp Stoellger 2009) sowie performative turn (vgl. T.C. Davis 2008; Elin Diamond 1996; Michael Lingner, Pierangelo Maset, Hubert Sowa 1999; Stanislav Roudavski 2008; Hubert Sowa 2004; Hubert Sowa, Alexander Glas, Monika Miller 2012)?Handelt es sich bei den Werken Rübsaamens um eine neue Denk- und Sichtweise?Rübsaamen ist promovierter Jurist, lebt in zweiter, interkultureller Ehe und war leitender Mitarbeiter im Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK). Er durchlief keine klassische Künstlerausbildung und hat sich das künstlerische Handwerkszeug mit Unterstützung seines sozialen Umfelds autodidaktisch vermittelt. Ein Schlüsselerlebnis im Leben Rübsaamens und seiner künstlerischen Entwicklung war 1992 der Besuch bei CERN (Centre Européen de la Recherche Nucléaire). Mit diesem Besuch und den vor Ort geführten Gesprächen setzte sich in ihm die Erkenntnis fest, dass bestimmte naturwissenschaftliche Phänomene in ihrer natürlichen Unschärfe undarstellbar sind, künstlerisches Wirken aber möglicherweise diese Undarstellbarkeit darzustellen in der Lage ist. So entwickelte er im Laufe seines künstlerischen Wirkens Emergenzschritte. Sie sind seine Blaupause für die Entstehung eines Bilds, dessen Komposition und Elemente er als Künstler bereitstellt, die Interpretation hingegen der Betrachter übernimmt, der damit Teil des Entstehungsprozesses des Bilds wird und in dessen Kopf das Bild schließlich entsteht. Rübsaamen steht mit dieser Vorgehensweise unbeabsichtigt u.a. Pierre Huyghe nahe. Die Emergenzschritte bilden Ableitungen einiger für Rübsaamen zentraler Sätze des Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein. Rübsaamen arbeitet in Raum und Zeit, er erkundet achtsam das Unfertige und Lückenhafte, berechnet das Ortlose, visualisiert unsichtbare zu verortende Prozesse und schafft mit seiner Kunst Möglichkeiten sowie eine Art Zwischen-Kunst. Er geht dabei wissenschaftlich, systematisch und konzeptorientiert vor und betitelt seine Werke stets selbst. Hintergrundgespräche mit Journalisten und Kuratoren geben ihm Gelegenheit, die Interpretation seiner Werke zu beeinflussen. Ingesamt lassen sich 57 Einzelausstellungen und Beteiligungen an Gruppenausstellungen recherchieren. Werkanalyse und Diskussion der Analyseergebnisse legen nahe, dass Rübsaamen als Beispiel für den Paradigmenwechsel vom pictorial and iconic turn zum visual, sensitive and perceptive turn sowie performative turn gelten kann. Die Einordnung seiner Werke in die gängigen Theorien der Gegenwartskunst (u.a. offene Kunstwerke, Teilhabe des Betrachters in der Bildentstehung, Kunst als Grenzgang zwischen den Wissenschaften und Disziplinen, einschließlich des Künstlers als Grenzgänger selbst) ist jedoch nicht eindeutig leistbar, ebenso wenig wie ihm ein einziger unzweifelhafter Künstlertypus anzuheften ist. Er könnte aufgrund seiner bildtechnischen Nähe zu Shusaku Arakawa, Joseph Kosuth und Glenn Ligon als ein dem graphischen und bildnerischen Wert des Worts verpflichteter Konzeptkünstler bezeichnet werden. In Ablehnung an die von Bruno Latour und anderen kuratierte und 2016 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe gezeigte Ausstellung Globale: Reset Modernity! scheint die Bezeichnung Rübsaamens u.a. als Artiflex Diligentiae et Innovationis und Artiflex Disciplinae Argumentum naheliegend. Es ist dieser Ansatz der zum Inhalt werdenden Methode, der das künstlerische Werk und Wirken Rübsaamens auszeichnet. Rübsaamen hat im Übrigen 1985 seine eigene juristische Dissertation zu Minderheitenrechten in konzernfreien Aktiengesellschaften von 1971 zum Kunstwerk Meine Lieblingsminderheit – Aktienminderheit erklärt und als Künstlerbuch 2010 für eine Gruppenausstellung eingereicht. Die 30 mit seinen juristischen Gutachten und Stellungnahmen gefüllten Leitz-Ordner erklärte er zum Gesamtkunstwerk. Sein 1998 geschaffenes Werk Der Elementarknopf, eine künstlerisch bearbeitete Rauchabzugsmeldeeinrichtung, schmuggelte er in eine Ausstellung über Schülerarbeiten im Sekretariat der KMK und wurde dafür mit dem Sonderpreis des Präsidenten ausgezeichnet.

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