Architekturlehre und Städtebau der zwanziger bis fünfziger Jahre im Regierungsbezirk Aachen - René von Schöfer (1883-1954)

  • Architectural education and urban planning from the twenties to the fifties in the governmetal district of Aachen - René von Schöfer (1883-1954)

Wild, Moritz; Raabe, Christian Julius (Thesis advisor); Selle, Klaus (Thesis advisor)

Aachen (2017)
Doktorarbeit

RWTH Aachen University, Diss., 2017

Kurzfassung

Untersuchungsgegenstand und Methode: Die Untersuchungsgegenstände dieser Arbeit sind Aspekte der Entwicklung der Architekturlehre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen und städtebauliche Planungsprozesse im Regierungsbezirk Aachen seit der „Weimarer Republik“ über die politischen Brüche hinweg bis in die Wiederaufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Den Zugang zu diesen Themenfeldern eröffnet die Biografie des Architekten und Hochschullehrers René von Schöfer, der von 1926 bis 1954 an der RWTH lehrte und in der Region als Architekt und Städtebauer tätig war. Seine Laufbahn durch die wechselnden politischen Systeme und seine Projekte liefern Anhaltspunkte, um Entwicklungsprozesse und das fachliche Umfeld sowohl an der Hochschule als auch im Städtebau zu erklären. Seine Biografie dient zugleich als Einführung in den historischen Kontext. Ausgangspunkt der Forschung waren René von Schöfers Nachlass und ein vorläufiges chronologisches Werkverzeichnis, zur Verfügung gestellt vom Förderverein Festung Zitadelle Jülich. Die Forschungsmethode bestand erstens aus der Recherche in Archiven, Behörden, historischen Vorlesungsverzeichnissen und historischen Zeitschriften nach Hinweisen und aussagekräftigen Quellen zu Laufbahn, Lehre und Projekten von Schöfers, zweitens aus der Besichtigung der Plangebiete und Bauplätze, und schließlich aus der Auswertung und Interpretation der Funde anhand der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur.Architekturlehre Nachdem in der Literatur die Geschichte der RWTH Aachen bislang vor allem unter politischen Gesichtspunkten untersucht worden ist, wird im ersten Themenkomplex „Architekturlehre an der RWTH Aachen“ die inhaltliche Entwicklung der Architekturabteilung und der Architektenausbildung an der RWTH dargestellt. Im Mittelpunkt der Betrachtung stehen von Schöfers Lehrgebiete Bauformenlehre - dazu zählten die Fächer Entwerfen, Bauaufnahme und Baugeschichte - und Städtebau. Die Entwicklung der Lehre wird dabei als Prozess mit Ursachen, Zielstellungen, politischen Einflüssen und Akteuren verstanden, die zu einer bestimmten Lehre führten. Um die Prozesse verstehen zu können, müssen auch die Akteure beleuchtet werden.Zunächst wird die historistische Lehre als Ausgangslage vorgestellt, die nach dem Ersten Weltkrieg geändert werden sollte. Die Vorstellungen der Hochschule und externe Richtlinien führten zur Berufung von Hochschullehrern mit einem bestimmten Profil, zu einer von fachlichen und politischen Faktoren abhängigen Zusammensetzung des Lehrkörpers und zur Entwicklung der Lehre nach ministeriellen Vorgaben und nach den Lehrauffassungen der Professoren. Wie sich die Lehre entwickelte wird am Beispiel der Lehrgebiete Bauformenlehre und Städtebau vertieft und in den Kontext sowohl der Aachener Architekturabteilung als auch der Studienreformen in Deutschland gesetzt, um die Einflüsse auf die Lehre aufzuzeigen. Dazu werden zum einen Berufungsverfahren einzelner Professoren und die Auswirkungen der Entnazifizierung auf den Lehrkörper beleuchtet, zum anderen die Veränderungen im Studienplan aufgezeigt und spezielle Themen wie die Rolle der RWTH Aachen im Deutschen Siedlungswerk des Dritten Reiches eingehender behandelt. Die Nachkriegszeit und der Wiederaufbau stellten neue Anforderungen an die Lehre an der RWTH und verlangten nach neuen Lehrstühlen.StädtebauDer zweite Themenkomplex „Städtebau im Regierungsbezirk Aachen“ untersucht beispielhaft städtebauliche Planungsprozesse und Wettbewerbe mit ihren Ursachen und Zielen, Einfluss nehmenden Akteuren, genutzten Planungsinstrumenten und Ergebnissen im Regierungsbezirk Aachen. Da die stadtbaugeschichtliche Forschung sich bislang vorwiegend auf Großstädte und ihre morphologische Entwicklung konzentriert hat, werden neue Einsichten in die zeitgenössische Planungspraxis gewonnen. Dadurch werden Lücken in der Planungsgeschichte geschlossen und Grundlagen für weitergehende Untersuchungen von Planungsprozessen in Groß- und insbesondere Kleinstädten geschaffen.Stadterweiterung, Altstadtsanierung und Siedlungsbau während des Nationalsozialismus, Planungsprozesse der frühen Wiederaufbauphase und Leitpläne nach dem Aufbaugesetz werden jeweils anhand mehrerer Beispiele dargestellt und die verwendeten Planungsinstrumente aufgezeigt. Zu den Instrumenten zählen insbesondere die verwendeten Arten von Plänen, Ortssatzungen, Bauberatung, die Finanzierung der Planung und der Durchführung. Bestandteile der Prozesse waren auch die Beteiligung der Öffentlichkeit und der Vertreter öffentlicher Belange sowie der Widerstreit öffentlicher und privater Interessen einerseits, konkurrierender öffentlicher Interessen andererseits. Zuletzt rücken Wettbewerbe der frühen Nachkriegszeit in den Fokus, deren Ursachen, Ziele, Teilnehmer, Zusammensetzung der Preisgerichte und Vorgänge überblickt werden, die zu den jeweiligen Wettbewerbsergebnissen und zur Auftragsvergabe führten. Über Akteure wie René von Schöfer wurden Auffassungen und Leitbilder transportiert, die sich auch in Wettbewerben auf die architektonischen und städtebaulichen Entwürfe auswirkten und zu seiner Wirkungszeit eine traditionalistische Gestaltung begünstigten. Gemeinsame rechtliche Grundlagen der formellen Prozesse sind mehrheitlich Gesetze, Verordnungen und, im Falle der Wettbewerbe, Grundsätze, die vor 1945 entstanden waren und noch in der Nachkriegszeit Anwendung fanden.

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