S. Andrea al Quirinale : die Entstehung von Gian Lorenzo Berninis römischer Ovalkirche

Glitsch, Tobias; Naujokat, Anke (Thesis advisor); Markschies, Alexander (Thesis advisor)

Aachen (2018)
Doktorarbeit

Dissertation, RWTH Aachen University, 2018

Kurzfassung

Die Kirche S. Andrea al Quirinale, die ab 1658 von Gian Lorenzo Bernini für das römische Jesuitennoviziat errichtet wurde, bündelt mit ihrer durch eine Portikus und durch seitliche Kulissenwände in den Stadtraum hinein ausgreifenden Fassade, mit ihrem durch die Grundrissdisposition, durch die Form des Kuppelgewölbes und durch die Skulpturen dynamisierten Innenraum sowie mit ihrem Charakter als Gesamtkunstwerk, in dem sich Architektur, Skulptur und Malerei, Raumeindruck, Farbe, Licht und figürliche Elemente zu einer kraftvollen Inszenierung eines sakralen Schauspiels verbinden, wie nur wenige andere Bauten zentrale Tendenzen des römischen Barock und gilt daher ganz unbestritten als eines der Hauptwerke der abendländischen Architekturgeschichte. Dennoch fehlt zu der Kirche bisher nicht nur eine ernstzunehmende Monographie, auch eine ganze Reihe für das Verständnis des Gebäudes entscheidender Aspekte wurden noch nicht mit der gebotenen Genauigkeit behandelt, ja selbst die in Bezug auf die physische Substanz des Baus sind in der Literatur bisher nur die für Besucher frei zugänglichen Bereiche bekannt. Ausgehend von der Frage nach dem Entstehungsprozess des Gebäudes versucht die Arbeit, zumindest einen Teil der verbleibenden Forschungslücken zu schließen. Dazu zeichnet sie zum einen die Voraussetzungen und Abläufe nach, vor deren Hintergrund S. Andrea al Quirinale seine finale, architekturgeschichtlich so bedeutende Gestalt erhielt. Zum anderen nimmt sie die bauliche Struktur der Kirche erstmals in ihrer Gesamtheit in den Blick. Nach einer Vorstellung des Gebäudes, in deren Zuge unter anderem das unterirdische Grabgeschoss und das System der Emporenräume erstmals beschrieben und die Nutzungen der einzelnen Gebäudebereiche erstmals genauer untersucht werden, führt die Arbeit in einem zweiten Schritt die bestehende Literatur, die Archivquellen und die Befunde am Gebäude zusammen und zeichnet auf dieser Grundlage die Abfolge der einzelnen Entwurfs-, Genehmigungs- und Realisierungsetappen nach. In diesem Zusammenhang gelingt es nicht nur, die Genese von S. Andrea al Quirinale selbst nochmals an zahlreichen Stellen zu präzisieren. Durch Exkurse zu den auf der Baustelle üblichen Mengen- und Maßeinheiten oder zur Konstruktionstechnik der sogenannten „volte sopra terra“ leistet die Arbeit auch nochmals einen Beitrag zur Erforschung der Baupraxis im Rom der frühen Neuzeit im Allgemeinen. Anhand einer Analyse der Vorbilder beziehungsweise Vergleichsbeispiele für die zentralen architektonischen Ideen und Entwurfselemente wird darüber hinaus nachgewiesen, wie Bernini bei der Konzeption des Baus die bestehenden Gestaltungsansätze aufgriff, umformte und durch geschickte Kombination in ihrer Wirkung steigerte. Zugleich ermöglicht es die Gegenüberstellung zwischen S. Andrea und dem restlichen Baubestand, die auf dem Quirinal nachweisbaren Lösungen unter kompositorischen wie funktionalen Gesichtspunkten präziser einzuordnen oder daraus in einzelnen Fällen sogar zusätzliche Hypothesen zu den inhaltlichen Intentionen des Baus entwickeln. Als besonders fruchtbar erweist sich in diesem Zusammenhang die Analyse der frühneuzeitlichen Grablegen, Krypten und Unterkirchen, die – genau wie die Emporensysteme der römischen Sakralbauten – im Rahmen der Arbeit erstmals im Zusammenhang aufgearbeitet werden und die darauf schließen lassen, dass der das Untergeschoss von S. Andrea prägende Rohbauzustand als Reminiszenz an die frühchristlichen Katakomben gedacht war und den Novizen damit gezielt das Selbstverständnis der Jesuiten als moderne Apostel und Märtyrer vor Augen führen sollte. Und schließlich arbeitet die Studie anhand einer – auch in diesem Fall wieder durch die Einbeziehung von Vergleichsobjekten kontextualisierten – Untersuchung der den Zeichnungen und dem ausgeführten Gebäude zugrundeliegenden Grund- und Aufrissfiguren die Strategien auf, mit denen sich eine Ovalgeometrie planerisch bewältigen ließ. Insgesamt gelingt es somit, auf Grundlage einer detaillierten Bauuntersuchung sowie einer durch die genaue Kenntnis der Bausubstanz geprägten Auswertung der Quellen und des allgemeinen Baubestands des römischen Cinque- und Seicento, ein verglichen mit dem heutigen Forschungsstand deutlich umfassenderes Bild der Kirche S. Andrea al Quirinale zu zeichnen und gerade durch die Verknüpfung unterschiedlicher methodischer Ansätze auch bei einem vermeintlich derart gut bekannten Bau eine ganze Reihe unerwarteter Erkenntnisse zu generieren.