Dialog und Raum : Multilaterale Kommunikation in Planungsprozessen öffentlicher Räume

Aachen (2018, 2019) [Doktorarbeit]

Seite(n): 1 Online-Ressource (245 Seiten) : Illustrationen, Karten

Kurzfassung

An der Entwicklung von Stadträumen wirken zahlreiche Akteure mit: Stadtverwaltungen, Anwohner, Händler, Politiker, Vereine, Investoren und viele andere prägen durch ihr Handeln das Bild unserer Städte. Das häufig noch vorherrschende, dichotome Bild von ‚der Stadt‘ auf der einen und ‚den Bürgern‘ auf der anderen Seite wird der kommunikativen Vielfalt nicht mehr gerecht: Wenn städtische Räume entwickelt werden, finden laufend Abstimmungen, Verhandlungen, politische Debatten und Bürgerbeteiligungen statt, ohne dass dies bislang systematisch erfasst oder beschrieben wurde. Diese Gestaltung der wechselseitigen Abhängigkeiten beteiligter Akteure - die kommunikative Interdependenzgestaltung - steht im Fokus dieser Arbeit. Dabei geht das Verständnis von multilateraler Kommunikation ausdrücklich über Bürgerbeteiligung hinaus: Es sind alle einzelnen vermittelnden Aktivitäten in Planungsprozessen gemeint, auch solche, die abseits der Öffentlichkeit stattfinden und - wie sich im Laufe der Recherchen herausstellte - nicht selten einen großen Einfluss auf Prozesse und Planungen haben.Öffentliche Räume bilden das Grundgerüst unserer Städte; sie übernehmen viele ökologische, ökonomische, politische und soziale Funktionen für die Stadtgesellschaft. In ihm schneiden sich Ansprüche und Interessen verschiedener Akteure; die Vermittlung zwischen diesen Ansprüchen im Rahmen der Umgestaltung öffentlicher Räume erfordert ein hohes Maß an Kommunikation. Aufgrund dieser Eigenschaft eignen sich die Planungsprozesse öffentlicher Räume besonders für eine Untersuchung der kommunikativen Aktivitäten.Es stehen sechs (Um-) Gestaltungsprozesse öffentlicher Räume im Zentrum dieser Arbeit. Die systematische Beschreibung und Analyse schließt die zuvor beschriebene Forschungslücke und es werden Erkenntnisse zur multilateralen Kommunikation generiert. Diese Arbeit ist eng mit einem Forschungsprojekt (‚multi|kom‘) verknüpft, das von 2015-2018 am Lehrstuhl für Planungstheorie bearbeitet wurde und sich mit multilateraler Kommunikation in Prozessen der Stadtentwicklung befasste. Die sechs betrachteten Prozesse werden zunächst anhand der fünf Gesichtspunkte ‚Inhalte‘ (von Planung sowie Kommunikation), ‚Akteure‘, ‚Gestaltung der Kommunikation‘, ‚Rahmenbedingungen‘ sowie ‚Ziele und Motive‘ über das gesamte Akteursspektrum hinweg beschrieben. Das spezielle Forschungsinteresse dieser Dissertation liegt darüber hinaus in Analyse der Rollen lokaler Stakeholder in den Prozessen. Damit sind nicht-kommunale Akteure mit besonderen Bezügen zum Raum gemeint - wie etwa direkte Anlieger, Händler, Institutionen oder auch Investoren. Es sollen potenzielle Quellen für Konflikte zwischen ihnen und anderen Akteursgruppen sowie Strategien der Konfiktbewältigung gesucht werden - es wird der Frage nachgegangen, inwieweit sie das Geschehen beeinflussen.Bei den sechs Fallstudien handelt sich um (Um-) Gestaltungsprozesse öffentlicher Räume in Deutschland, in denen multilateral kommuniziert wurde und die sich noch in der Umsetzung befinden bzw. deren Fertigstellung nicht länger als fünf Jahre zurückliegt. Nach der Bestimmung der Fallstudien wurde eine tiefergehende Recherche des Projektablaufs sowie des kommunikativen Geschehens per Suche in der Lokalpresse, auf städtischen Webseiten sowie Ratsinformationssystemen durchgeführt. Da im Regelfall die Öffentlichkeitsbeteiligung im Zentrum der öffentlichen Dokumentation der Prozesse steht und so kaum Aussagen zu bilateralen Verhandlungen und weiterer nicht-öffentlicher Kommunikation getroffen werden können, bildeten insgesamt 32 leitfadengestützte multiperspektivische Interviews den Kern der Recherchearbeit. Im ersten Teil der Arbeit wird der aktuelle Stand der Forschung zu den Themen multilaterale Kommunikation und öffentlicher Raum dargestellt sowie das Interesse, Forschungsfragen und Methodik der Arbeit erläutert. Die Beschreibung der sechs Fallstudien bildet den zweiten, empirischen Teil. Im abschließenden dritten Teil finden sich die Querauswertung der Fallstudien, die entlang von sieben eingangs formulierten Forschungsfragen vorgenommen wird, sowie eine Methodenkritik und eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse im Fazit. Wie sich in der Querauswertung der Fallstudien zeigt, nahmen in allen Prozessen lokale Stakeholder Einfluss auf das Geschehen, auch wenn die Prozesssteuerung stets den kommunalen Akteuren oblag. Die Inhalte der Debatten wurden vom Thema ‚Verkehr‘ dominiert - auch wenn es sich z.B. um Platzumgestaltungen handelte. Den Parkplätzen und ihrem Erhalt oder Wegfallen kommt dabei ein besonders großer Stellenwert zu, vor allem aus Sicht vieler Stakeholder. Es können prozessuale und inhaltliche Wirkungen der Kommunikation unterschieden werden, von der Wahl der Gesprächsformate bis hin zur Auswahl bestimmter Gestaltungselemente. Die Untersuchungen ergeben, dass die kommunalen Akteure viele der kommunikativen Aktivitäten betreiben, um die Akzeptanz von Umgestaltung und Planungsprozess zu erhöhen. Stakeholder hingegen bringen sich in die Prozesse ein, um sich über die Entwicklungen in ihrem (persönlichen oder wirtschaftlichen) Umfeld zu informieren und um die eigenen Interessen wahren zu können. Zu den häufigsten Ursachen für Konflikte zählen zum einen Umsatzeinbußen in der Bauphase bei den Gewerbetreibenden. Hinzu kommen oft große Zeiträume, die zwischen Kommunikation und Umsetzung verstreichen (etwa von der Beantragung bis zur Bewilligung von Fördermitteln), ohne dass für nicht-kommunale Akteure ersichtlich wäre, warum. Als hilfreich erwiesen sich in den Prozessen feste Ansprechpartner auf beiden Seiten sowie fortlaufende Information und Werbekonzepte für die Umsetzungsphase. Auch positiver Berichterstattung in der lokalen Presse kommt ein wichtiger Stellenwert zu, wenn es um die Akzeptanz der Planung in der Bevölkerung und ihre Aufmerksamkeit für die Maßnahmen geht. Insgesamt ist es von großer Bedeutung, dass sich administrative Akteure über die öffentlichen Belange und privaten Interessen im Klaren sind sowie die von der Umgestaltung betroffenen Akteure kennen.Die Stakeholder treten in verschiedenen Rollen auf und nehmen so Einfluss auf die Prozesse und die Gestaltung der Räume. Besonders wenn es um den Erhalt von Parkplätzen im Geschäftsumfeld der lokalen Händlerschaft geht, setzen sie sich gegen ursprüngliche Planungen durch - und das, ohne selbst unmittelbare Rechte an den umzugestaltenden Räumen zu besitzen. Die Einflussnahmen sind meist nicht öffentlich sichtbar dokumentiert; was problematisch sein kann, wenn kommunale Entscheidungsspielräume durch Abhängigkeit von Stakeholdern eingeschränkt werden. Multilaterale Kommunikation bei der Umgestaltung öffentlicher Räume entspricht bereits gängiger Praxis; sie findet sich bei verschiedenen Planungsaufgaben und in sehr unterschiedlichen Ausgangssituationen. Da die kommunikativen Vorgänge und ihre Wirkungen, Möglichkeiten der Konfliktvermeidung sowie die Dimension der Einflussnahme nicht-kommunaler Akteure auf die Prozesse bislang im Wesentlichen unerforscht sind, leistet diese Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von multilateraler Kommunikation und schließt die zuvor beschriebene Forschungslücke. Die Einbeziehung verschiedener Akteure ist in Bezug auf die Gestaltung öffentlich zugänglicher Stadträume alternativlos - umso bedeutsamer ist eine Beschäftigung mit diesen Akteuren, mit Interessen und Belangen. Eine absichtsvolle und bewusste Gestaltung der Interdependenzen durch Kommunikation stellt somit eine Chance für die Gestaltung qualitativ hochwertiger und akzeptierter öffentlicher Räume dar.

Autorinnen und Autoren

Autorinnen und Autoren

Fugmann, Friederike

Gutachterinnen und Gutachter

Selle, Klaus
Wachten, Kunibert

Identifikationsnummern

  • REPORT NUMBER: RWTH-2019-01782

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