Aachen - Wiederaufbau : Rekonstruktion durch Translozierung

  • Aachen - Reconstruction : Rebuilding using Relocation

Richarz, Jan; Raabe, Christian (Thesis advisor); Naujokat, Anke (Thesis advisor)

Aachen (2020, 2021)
Doktorarbeit

Dissertation, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen, 2020

Kurzfassung

Die Arbeit beleuchtet die historische Dimension von Gebäudeversetzungen im Städtebau. Erstmals wird Translozierung als Methode zur Stadtbildrekonstruktion untersucht. Aus der detaillierten Begriffsgeschichte und Einzelbeispielen kristallisiert sich die Versetzung der Berliner Gerichtslaube als Zündpunkt städtebaulicher Translozierungen heraus. Mit den ersten Städtebau-Publikationen machte das Modell Schule. Bei diversen stadtplanerischen Eingriffen und Durchbrüchen um 1900 wurde anfallendes denkmalwertes Material eingelagert und wiederverwendet. In Städten mit entsprechendem Baubestand wurde die Methode zum System. Verantwortlich dafür zeichneten sich Denkmalpfleger, die noch nicht scharf von Stadtplanern zu trennen waren. Zum großflächigen systematischen Einsatz kamen Translozierungen schließlich bei den Stadtumbauten der 1930er und im Wiederaufbau einer Vielzahl westdeutscher Großstädte. Städtebauliche Leitbilder machen deutlich, dass bis in die 1970er Translozierungen neben Anpassungsneubau, Platzrekonstruktion und Arkadenbauweise als gleichberechtigte Antwort auf die Städtebaufragen gesehen wurde. Vor allem die Flächensanierungen ab den 1960er Jahren boten Raum für reorganisierte Stadtbereiche, in denen Originalsubstanz als Historizitäts- und Authentizitätsanker die städtische Identität binden sollte. Die einzelnen Gebäude wurden oft als wenig erhaltenswert betrachtet, in einem größeren Zusammenhang aber als stadtbildprägend wahrgenommen. Nur selten wurde dabei nach heutigem Verständnis originalgetreu gearbeitet, vielmehr ging es um die Ensemblewirkung bestimmter Altstadtareale. So konstituierten sich Altstädte typischer Gestalt, deren zugehöriges Narrativ unkundigen Betrachtern die Entstehungsgeschichte nicht offenlegt – ein Versäumnis, dass die Authentizität in Frage stellt. Trotz der ablehnenden Haltung vieler Fachleute, nehmen viele Menschen die Stadtviertel mit translozierten Gebäuden heute als immanenten ursprünglichen Teil ihrer Umgebung war. In keiner deutschen Großstadt wurde dies so massiv ausgeführt wie in Aachen. Im Stadtgebiet sind mindestens 50 Gebäude nachweisbar, deren Fassaden aus translozierten Elementen bestehen sowie mindestens 15 Fassadenrekonstruktionen und über 25 weitere mit historischem Baumaterial errichtete oder ergänzte Gebäude. Begünstigt wurde dies durch die regionaltypische Architektur des gebundenen Backsteinbaus, dessen architektonische Gliederungselemente aus Blaustein bestehen. Am Beispiel wird untersucht, wie die Sammlung alter Bauteile zum System werden kann, wie zwischen Stadtplanung und Denkmalwert ein tragbarer Konsens gefunden werden muss. Hierbei sind zwei Zeitphasen zu unterscheiden: der eigentliche Wiederaufbau auf zerstörten Bauplätzen und die Stadtsanierung in definierten Gebieten mit flächenhaften Abrissen und Neuplanungen. Der Wiederaufbau hing stark von den lenkenden Akteuren ab. Die Stadtgestaltung Aachens muss im Kontext der Stadtgeschichte und struktureller Faktoren gesehen werden. Entsprechend ist die Neuordnungsplanung im Zeitkontext zu beleuchten. Zur Aufarbeitung der Planungsgeschichte und des systematischen Materialumschlages konnte dafür auf eine Fülle bisher unbekannter Quellen zugegriffen werden. Der Kern der Arbeit ist die Beschreibung der unterschiedlich gelagerten Translozierungen im 20. Jahrhundert. Hier wird klar, wie aus anfänglichen Einzelstücken und Kriegszerstörungen sukzessive eine Lagerhaltung und ein geplanter Einsatz gelagerter Fassaden entstand, die anderenorts der Stadtplanung weichen mussten. Es ist selbstverständlich, dass diese europaweit angewandte Methode eine massive kritische Auseinandersetzung bedingte, in der sich Preise und fachliche Kritik unversöhnlich gegenüberstanden. Wesentliche architektonische Aspekte, wie die Besonderheit der Ecke, sowohl die historische als auch die neue Interpretation der Übergänge, oder die bewusste Inszenierung und Idealisierung bestimmter Fassaden verdeutlichen den Gestaltungsanspruch der Architekten beim Umgang mit dem Altmaterial. Die Stadtgestaltung mit Altfassaden war Teil eines überaus modernen Stadtumbaus, der den Strukturwandel durch Bildwirkungen abzumildern versuchte. Die neue Gestaltung der Altstadt gibt zudem der Umgebung der beiden zentralen Monumente der Aachener Stadtgeschichte einen modellierten Rahmen. Abschließend ist deshalb noch zu klären, wie sich der Denkmalwert dieser Bauwerke heute – nach dem Ende dieser städtebaulichen Phase – definiert.

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